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dingungen aus nächster Nähe kennen zu lernen. Das könnte auch
heute Intellektuellen wie Künstlern nur nützen. Es ist aber ledig
lich (wenn bei der bestehenden Arbeitslosigkeit technisch überhaupt
durchführbar) einer Expedition oder Studie vergleichbar. Doch
niemals macht man derart einen Proletarier aus sich, denn Prole
tarier sein heißt: Nichts andres sein können, durch die Gewalt der
historischen und ökonomischen Entwicklung Sklave sein, bewußt
oder unbewußt, voll unterdrückter, unentwickelter, abgestorbener
und dumpfer Triebe, Kräfte, Anlagen. Um als Bourgeois den Ent
schluß zu fassen, ins Proletraiat zu gehen, muß man das Gegen
teil eines Proletariers, losgelöst von Tradition und Klassengebun
denheit, äußerst reflektiv und problembeladen, kurz ein Bourgeois
im Stadium der Erkenntnis seiner historischen Ueberflüssigkeit sein.
Und so führt der Weg „ins Proletariat“ gemäß den unent
rinnbaren Gesetzen gesellschaftlicher Zugehörigkeit in ein anderes
ebenso überflüssiges Milieu wie das, dem man entfloh: in die „pro
letarische Boheme“. Die setzt sich zusammen aus verfolgungs
wahnsinnigen Radikalen, aus Leuten, deren Ehrgeiz und Ungeduld
sie vom Arbeitsplatz oder aus dem unerträglich gewordenen bür
gerlichen Heim trieb, aus Spitzeln, Scharlatanen und Hochstaplern,
aus pathologischen, neurasthenischen, phantastischen Neulingen —
unter ihnen die Künstler, welche nun glauben, der Klasse anzuge
hören, der die Zukunft gehört, die in Wirklichkeit aber auf die mei
sten jener Klasse wie auf Feinde blicken. „Kleinbürger“ ist ihr
zweites Wort — und die Meinung, daß man den im westlichen Pro
letariat tatsächlich nur zu tief wurzelnden kleinbürgerlichen Geist
nur durch Aufklärung und Propaganda, nur durch die Liebe, mit
der man seinem verirrten Bruder naht, nicht aber durch Verachtung,
Einschüchterung und Gewalt überwinden könne — diese Meinung
nennen sie opportunistisch. Gewiß findet man in diesen Gruppen
auch wirklich brauchbare Klassenkämpfer, aber nur vereinzelt,
Kameraden, welche durch ihr illegales Leben gezwungen sind, wohl
oder übel mit jenen isolierten Gruppen in Zusammenhang! zu stehen.
Diese Gruppen kommen denn auch nur als Ausgangspunkt für
Handlungen in Betracht, die eine Partei offiziell nicht decken kann
und die naturgemäß sehr oft auch ohne Nutzen, wenn nicht schäd
lich für die Bewegung sein können. Falls also nicht ungewöhn
liche individuelle Eignung zum „Schrittmacher des Klassen
kampfes“, zum „Berufsrevolutionär“, wie sich diese Kameraden
ohne jede Ironie selbst zu nennen pflegen, vorliegt, so lege der
Künstler Pinsel und Feder nicht aus der Hand!
Nein — es gilt vielmehr, Pinsel und Feder in den Dienst der
Sache zu stellen. Schon lachen einige geringschätzig: „Natürlich,