Full text: Gesellschaft, Künstler und Kommunismus

18 
der kleine Mann endlich aufhöre, nur die Fassade dieser Dinge zu 
sehen, während ihr v/ahres Wesen ihm verhüllt bleibt vom Nebel 
abstrakter Urteile für und wider sie. All die Zahlen, Statistiken, 
Polemiken, herausgegriffenen Einzelfälle, die die Presse bringt, — 
sie können nur von denjenigen richtig gewertet werden, die die Zu 
sammenhänge zwischen sich und diesen trockenen Angaben — die 
nebenbei in jeder Zeitung anders lauten — bereits erfaßt haben. 
Wer schildert mit der Ueberzeugungskraft, die nur dem wah 
ren Kunstwerk innewohnt, die Vorgänge in Fabriken und Berg 
werken, in Gefängnissen, beim Kapp-Putsch, den Märzunruhen, in 
Oberschlesien oder im besetzten Gebiet, in der Reichswehr, im 
Schoß der Parteien, bei Holz, in den Krankenhäusern, in den See 
bädern, Mörder- und Spitzelzentralen, in den Armen- und Waisen 
häusern? 
Wo sind die Bilder, die aufzeigen, wie schön die Welt ist und 
wie Mßlich die Menschen sie sich gegenseitig machen, die dich 
lesen lehren in jeder Falte deines eigenen Gesichts und dem des 
Nächsten, ob du oder er Vertrauen verdient oder Mißtrauen. Wer 
verewigt, was der Mensch nur zu leicht vergißt, alles Grauen und 
Elend, Verbrechen und Niedertracht, Lüge und Feigheit, womit die 
Gier nach Besitz das Dasein verseucht hat. 
Wo sind die Lieder, welche den ökonomischen und politischen 
Kampf der proletarischen Klasse schildern und befeuern (so wie die 
Couplets und Schlager und tausend Operetten das erotische Niveau 
der heutigen Gesellschaft spiegeln, ihre geschlechtlichen Tendenzen 
propagieren und fortpflanzen). Wer komponiert den Klagege 
sang des gefangenen Rotgardisten, das bittere, doch gläubige Weh 
der Kommunistenwitwe, wer singt unsem Jubel über Rußlands 
Standhaftigkeit, wer unsere Freude, daß eine Idee, eine unerschütter 
liche Zuversicht unser Leben ausfüllt, daß wir nicht mehr durch 
die Jahre laufen müssen, einsam und ohne Glauben, nur an uns 
selbst denkend, von allen möglichen kleinlichen Leiden abgestumpft 
und blind gegen das furchtbare Leid der Klasse, der Gesellschaft. 
Hier gibt es kein Ende. Und kaum der Anfang ist gemacht! 
Wie kann es da — und gerade unter Kommunisten — Künstler 
geben, die die ganze Kunst für überflüssig, für bürgerlich halten 
und darum lieber als Politikanten oder Konspirative figurieren? 
Mit Recht wird vielleicht eingewandt, es sei nicht jeder Künst 
ler befähigt, so tiefe und überzeugende gesellschaftskritische 
Werke zu produzieren. Dann steht ihm das weite Feld der journa 
listischen Arbeit offen! Dann ordne er sich den Anforderungen 
der Wort- und Bildpropaganda unter. Das ist gleichzeitig die 
beste, vielleicht die einzig'e Schule, um die Vereinzelung, den in-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.