Full text: Der Gegner (3(1922),1)

in verantwortlichen Verwaltungsstellen, wie Spreu im Winde über das Riesenreich 
verteilt. Der arme Bauer erlebt trotz proletarischer Diktatur in der Wirklichkeit 
von den Auswirkungen derselben für ihn als Klasse noch wenig. Ihm selbst fehlt 
Möglichkeit und eigene Initiative, sich selbst durchzusetzen und vielfach auch das 
richtige Bewußtsein des Klassengegensatzes. 
Aber es ist im Entstehen. Täuscht euch auch darüber in Westeuropa nicht. 
Langsam beginnt die Aufklärung durchzusickern. Es bleibt haften, von dem Bei 
spiel des täglichen Lebens unterstützt. Da ist ein Bauer mit vier Pferden im Stall, 
die Dürre trifft in gleicher Weise die Reichen wie die Armen, aber er hat noch 
Vorräte versteckt und bis jetzt war es ihm noch möglich, die Pferde durchzuiüttern. 
Er selbst hat schon zu hungern angefangen. Mit dem im Kriege und in den ersten 
Revolutionsjahren verdienten Bündel Papiergeld kauft er im nächsten Flecken Er 
satzbrot für sich und seine Familie. Es geht ihm an sich noch ganz gut, wenn 
er auch schon hungert. Die Pferde und das andere Vieh fressen das gute Ge 
treide, möglich, daß ihn einer der Aermsten der Armen, dem seine Kinder unter 
den Augen sterben, um Hilfe angeht. Er wird seinen Nachbar zur Tür hinaus 
werfen. Wahrscheinlicher aber ist, daß dieser ihn gar nicht angehen wird, so 
sicher ist er von der Aussichtslosigkeit eines solchen Versuches überzeugt. Er 
wird die Kinder sterben sehen, die Frauen und die Greise, aber er wird schweigen. 
Es wird sein, daß, ehe er sich entschließt, seinen Ackergaul, der schon nicht mehr 
auf den Beinen sich halten kann, für ein Pud Ersatznahrungsmittel umzutauschen, 
zusammen mit seinem letzten Ackergerät, noch wie eine Erleuchtung ein letzter 
verzweifelter Gedanke ihn durchglüht: die Flucht. Da werden die Reste der Habe 
schnell auf den Wagen geladen, von einem Strom ähnlicher Flüchtlinge mitgerissen, 
wühlt sich das armselige Gefährt mühsam durch die Steppe — irgendwohin, nur 
fort. Aber bald bricht der Gaul zusammen und will nicht mehr aufstehen, und 
nach entsetzlichen Tagen einer mühseligen Wanderung kehrt die Familie ins Dorf 
zurück, um das Notwendigste ihres Haushaltes noch ärmer, oft sogar ohne das 
schützende Dach zu finden, denn viele haben dem Kulaken, dem Spekulanten aus 
der nächsten Stadt vorher für einen Spottpreis ihr Häuschen verkauft. Sie werden 
schweigend und erwarten ergeben ihr Schicksal. Die Frauen jammern noch zu 
weilen in Erinnerung der Prophezeiung von der Ankunft des Antichrist, an 
den noch viele glauben. In der ersten Zeit ging das Dorf noch zum Popen, um 
den um Rat zu fragen und vielleicht die Fürsprache bei, Gott zu bekommen. Aber 
die Popen halten nicht mit den armen Bauern. Nachdem die Reichen ihre Taschen 
zugeknöpft haben, denen jetzt selbst ein Zerfall ihres Besitzes droht, haben sie 
das Interesse am Dorf verloren. Sie sind zum größten Teil ausgerückt. So wurde 
allmählich die lokale Sowjetbehörde zum Mittelpunkt, bei, der die armen Bauern 
ihre schüchternen Fragen beantwortet bekommen. Sie kommen mit allen mög 
lichen Gerüchten, und es mag viel Geduld dazu gehören, immer wieder die not 
wendige Aufklärungsarbeit zu leisten. Das Beispiel der wenigen Kommu 
nisten, die manchmal an verantwortlichen Stellen über einen ganzen Kreis verteilt 
sind, wirkt Wunder. Sie haben die Masse der armen Bauern durch das Beispiel 
für sich gewonnen. Die Hungernden schweigen, sie fügen sich in ihr Schicksal, 
das vielleicht im Laufe dieses Winters trotz aller Hilfsaktionen dennoch der Tod 
sein wird. Vielleicht, daß die Frauen und Kinder noch werden gerettet werden 
können, auch wer von den übrigen noch neuen Mut genug faßt, sich am Leben
	        
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