Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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zu halten, wird überwintern — es ist ein hartes Wort, aber es sagt die Wahrheit,. 
Viele, sehr viele haben den Tod vor Augen, unabwendbar. 
Im Gros der Bauern ist eine neue Liebe zur Sowjetregierung emporgewachsen. 
Als ob die Seele des russischen Bauern sich aufzuschließen beginnt gegenüber 
dem Bruder, der in der Fabrikhalle, an der Drehbank steht und für ihn arbeitet^ 
Die Seelen haben sich aufs neue genähert, und das Organisatorische, das künftige 
Sozial-Verbindende im Wirtschaftsaufbau Sowjetrußlands wird in den kommen 
den Monaten daraus neues Leben gewinnen. Auf der Grundlage dieses, wenn 
gleich noch schüchternen, aber deswegen nicht weniger glücksgetragenen Ver 
trauens zwischen Arbeiter und Bauer vollzieht sich die Hilfsaktion der Sowjet 
behörde. Die Hungernden schweigen, nur eine Klasse schreit: die Kulaken. Die 
Steppe hallt wider von ihrem Verzweiflungsjammer, sie haben noch vier Pferde 
im Stall, eine Durchsuchung ihrer Verstecke fördert manchmal Lebensmittel zutage 
die auf Tage hinaus das ganze Dorf ernähren könnten. Der Lebenswille der 
armen Bauern ist im Wachsen, während der der Kulaken langsam gebrochen wird. 
Die Klassengegensätze in der Hilfe. 
In dem gleichen Maße wie die Nachrichten aus dem von der Hungerkatastrophe 
betroffenen Gebiet in den Zentralbehörden anschwoll, im gleichen Maße setzte 
die Initiativbeweguug zur Bekämpfung der Hungerepidemie ein. Den Leuten, die 
in Westeuropa bei den ersten Meldungen über die Hilfsaktion der Sowjetregierung 
skeptisch gelächelt haben, mag dieses Lächeln längst erstorben sein, und die Rede 
dazu. Immer von neuem wieder wirkt es wie ein Wunder, wie tief die Regierung 
der Arbeiter und Bauern in Rußland im russischen Volke verwurzelt ist. Um die 
beispiellose Größe dieser Leistung zu begreifen, müßt ihr einen Versuch machen, 
euch vorzustellen, wie die an den europäischen Vorkriegsverhältnissen hoch- 
entwickelter Industriestaaten gemessene ökonomische Lage Sowjetrußlands auf 
den Lebensstandard des einzelnen Arbeiters wirkt. Der kommunistische Arbeiter 
in Rußland hungert seit vier Jahren, in der Gleichmäßigkeit seines Kampfes mit 
dem Hunger nur unterbrochen von den Entbehrungen neuer Kriege, in denen per 
sönlicher Heroismus meist die modernen Kriegswaffen ersetzen mußte. Dieser 
Arbeiter schaut von Monat zu Monat sich nach Hilfe um. Da brach die 
Hungerkatastrophe ein in ein Land, in dem der Arbeiter an sich hungert 
und das Notwendigste an Kulturgütern entbehrt. Hand aufs Herz, west 
europäischer Arbeiter, wieviele von euch wären in einer solchen Situation 
zusammengebrochen? Mit zielsicherer Hand hat die russische Arbeiter 
und Bauernregierung die Zügel des neuen Wirtschaftskurses in der Hand. 
Die Organisation der Hilfe für die Hungernden greift unter Zugrunde 
legung der wirtschaftlichen Erleichterungen betreffs Freihandel und Arbeitszwang 
in das wirtschaftliche Leben jedes einzelnen hinein. Sie zwingt die Menge der 
Spekulanten, der Konzessionshändler und vor allem die ungeheure Menge der 
Nichtstuer, die in der Form der Sabotage zwar dem Sowjetstaat dienen, im Grund 
aber von den Ueberresten ehemaligen Besitzes, von ihrer bourgeoisen Verbitterung 
und fortschreitenden Verdummung leben, in den Dienst dieser Hilfe hinein. Die 
Woche für die Hungernden hat überall gezeigt, daß an freiwilligen Hiifspenden 
seitens der Kleinbürger, geschweige denn der weißrussischen Großbourgeoisie 
nicht zu denken ist. Der Versuch mit dem Allrussischen Zentralhilfskomitee hat
	        
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