Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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ja auch ein schnelles Ende gefunden. Soweit in dieser Hilfswoche der bürger 
lichen Ideenwelt angepaßte Mittel angewandt wurden, wie eine Geldlotterie zum 
Beispiel, waren die Ergebnisse annehmbar, dagegen ergaben die Haussammlungen 
bei den Bürgerlichen ein klägliches Bild. Wie aber ist die Hilfeleistung der Ar 
beiter einzuschätzen, die vor Hunger entkräftet und enerviert durch die furchtbare 
Last der Verantwortung dieser Revolutionsjahre beschlossen haben, bis zur kom 
menden Ernte für die Hungernden freiwillig den Sonntag zu arbeiten, und die 
bis zu 20 Prozent ihres Lohnes und ihrer Verpflegung, die an sich schon auf 
das kärglichste bemessen ist, dem Hilfskomitee überweisen? Wie denkt ihr wohl 
über diejenigen Arbeiter, die von ihrem Lohn in den Fabrikanlagen ein Kinder 
heim errichten, um dort Kinder aus dem evakuierten Gebiet unter ihrer Aufsicht 
und Liebe zu verpflegen? Wie denkt ihr wohl über jenes Bataillon Rotarmisten, 
das in der Umgegend von Samara stationiert, im Laufe einer Woche durch frei 
willige Mehrarbeit Baracken zur Aufnahme von mehr als zehntausend Flücht 
lingen baute und das Holz stapelte, das diesen Unglücklichen Wärme spenden 
soll? Und in ganz Rußland von Archangelsk bis Odessa arbeiten die Werktätigen 
mit neuen gewaltigen Anstrengungen an der Aufgabe, die Wirtschaftsmaschine 
Sowjetrußlands in Gang zu bringen, die Sabotage der aus parteilosen und bürger 
lichen Elementen zusammengesetzten Verwaltungsbehörden — es ist ja im Grunde 
genommen keine bewußte bösartige Sabotage, meist nur Schlaffheit und Absterben 
der Lebensenergie, dazu die Tradition jahrhundertealter Korruption und Lotter 
wirtschaft — zu brechen und in positive Mitarbeit umzuwandeln. Eine ganz fabel 
hafte Leistung, die in der Geschichte der sozialen Umwälzungen ohne Beispiel 
ist, vollzieht sich in SowjetrußlandL Die Solidarität zwischen Arbeiter und Bauern 
wird geschmiedet. Die Arbeiter haben eine neue Mehrbelastung ihres Kampfes 
aufgenommen, den Kampf um die praktische Erziehung der Bauernmassen durch 
das heroische Beispiel. Arbeit der russischen Werktätigen hilft den Hungernden 
an der Wolga. Die Arbeit derjenigen, die selbst hungern, denen aber der Ge 
danke brüderlicher Solidarität der Werktätigen untereinander zum Ziel und leben 
digen Inhalt geworden ist. 
Seht auf Sowjetrußland. 
Seht Rußland, wie es ist, mit den Augen des Proletariats und proletarischen Ver 
ständnisses und mit Brüderlichkeit. Jeder Arbeiter muß heute die Aufgabe der pro 
letarischen Revolution in Rußland und die Aufgaben der russischen für die Welt 
revolution begriffen haben. Du siehst die russische Arbeiterschaft von neuem die 
schwerste Aufgabe übernehmen, die Diktatur des Proletariats unter der Masse der 
Indifferenten und Parteilosen, der Verdummten und Verbitterten, der Saboteure und 
offener Konterrevolutionäre im Kampfe mit dem Hunger wirksam zu machen. Du 
sollst dir vorstellen, daß auf Schritt und Tritt du auf Menschen stößt, die ge 
zwungen und widerwillig den Wirtschaftsapparat, den Transport und die ganze 
Staatsmaschine sozusagen in Gang halten. Leicht ist es, von der Korruption, die 
unter den alten Bürokraten noch nicht ausgerottet ist, zu erzählen, von den tech 
nischen Fehlern, die die neue, noch wenig geschulte Arbeiterverwaltung noch all 
enthalben macht, das sind alles selbstverständliche Dinge, sie sagen nichts weiter 
als die ungeheuren Schwierigkeiten, unter denen der russische Arbeiter kämpft 
Viele auch von den westeuropäischen Arbeitern, die als Emigranten nach Ruß 
land gekommen sind, haben das nicht verstanden, sie wollten nicht sehen, daß
	        

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