Full text: Der Gegner (3(1922),1)

12 
man in Rußland ein Doppeltes leisten muß, und daß es darauf ankommt, daß 
jeder mit Hand anlegt und mit Anspannung der höchsten Energie, anstatt die 
Hände in den Schoß zu legen und auf die gebratenen Tauben zu warten, die ihm 
ins Maul fliegen sollen. 
Vergeßt doch nicht, daß wie in Rußland so in der ganzen Welt Klassenkampf 
und Bürgerkrieg ist! 
Manche Arbeiter meinen, daß die schwierigen Verhältnisse in Sowjetrußland 
beweisen, die Zeit für eine Diktatur des Proletariats sei noch nicht reif. Sie 
sollten nach Rußland gehen und die offene und versteckte Sabotage aller nicht 
Proletarisch-Klassenbewußten am eigenen Leibe spüren. Die Bourgeoisie, die 
kalten Blutes Millionen Proletarier in den Weltkrieg gehetzt hat, sie läßt heute 
den russischen Bauern, der in vielen Dingen ihr manchmal noch wesensverwandt 
ist, ebenso kaltherzig vor Hunger verrecken. Sie sabotiert die Möglichkeit einer 
umfassenden Auslandshilfe, sie sabotiert die Verwaltung im Innern, sie führt den 
Krieg im Lande, wenngleich passiv, so doch nicht mehr auf Kosten der Arbeiter, 
sondern auf Kosten Millionen Unglücklicher, die zu schwach sind, um ihr Leben 
um Hilfe zu schreien. Der russische Arbeiter trägt diesen Ruf weiter, weil der 
klassenbewußte Proletarier heute allein in der Lage ist, Solidarität zu üben nicht 
nur zu den Klassengenossen der Gegenwart, auch gegenüber denen der Zukunft, 
den jetzt noch Unwissenden und in alten Traditionen Wurzelnden. 
Die letzte Phase des Klassenkampfes, in die wir jetzt eingetreten sind, zeigt 
das bürgerliche Element als das, was es ist, als den Feind und brutalen Aus 
beuter jedes allmenschlichen Verbindungsgefühls, als den Feind einer kommen 
den Menschheit, der, kann dieses Ziel erreicht werden, restlos niedergeschlagen 
und ausgerottet werden muß. Vergeßt das flicht, Arbeiter in Westeuropa. 
Denn jetzt, wo der Ruf nach Hilfe auch zu euch dringt, müßt ihr euch über 
die Aufgabe, die euch daraus erwächst, vollkommen im Klaren sein. Mehr wie 
je in der bisherigen Geschichte der russischen proletarischen Revolution handelt 
es sich um eine Hilfe für den russischen Arbeiter. Diese Hilfe ist im wichtigsten 
Ziel die Entfachung des Bürgerkrieges und die Entfesselung der proletarischen 
Revolution. Wir ringen in diesem Kriege von Etappe zu Etappe, wir haben eine 
Stellung erreicht, in der wir den Angriff eines neuen Feindes, den Hunger zu 
überwinden haben. Daher, wo ihr auch angreift, ihr werdet den russischen Ar 
beiter entlasten. Und nur so ist auch die direkte Hilfe zu verstehen, die Unter 
stützung mit Lebensmitteln, Geld, Kleidungsstücken, Maschinen aller Art und 
ähnlichem. Sie ist nur wirksam, wenn sie getragen ist von dem Solidaritäts 
gefühl und von dem Grundgedanken des Klassenkampfes. Dann aber gebt auch 
alles her, was ihr geben könnt. Haltet euch den hungernden russischen Arbeiter 
vor Augen, der seine Ration hergibt, um denen an der Wolga zu helfen. Das 
Gefühl, ein brüderliches Werk zu tun, schafft Wunder. Nicht loskaufen sollt ihr 
euch damit vom Klassenkampf, sondern ihn dadurch entfachen, euch selbst dafür 
stählen« indem ihr nicht einen Augenblick vergeßt, daß die Aufgabe, die der 
russische Arbeiter übernommen hat, auch eure Aufgabe ist. Um euch selbst 
handelt es sich, wenn die neue Phase des Bürgerkrieges, der Kampf mit der 
Hungerepidemie und der Unwissenheit in den nächsten Monaten in Rußland ent 
schieden werden muß. 
Wie viele Tausende der unwissenden und hungernden Bauern werden in 
diesem Jahre noch sterben, und die Zahl derer, die an Seuchen und Entkräftung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.