Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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„Three Soldiers" 
Das neue Amerika.*) 
Die besten kritischen Aufsätze über John dos Passos’ Buch „Three soldiers“ 
führen mit Recht aus, daß dieses Buch ein eindringlicher Protest der Jugend 
gegen den Krieg ist, und es ist tatsächlich ein großes Lob für die Fähigkeiten 
des Autors, daß Amerikaner aller Richtungen, die nur irgendwie einen Haß 
gegen den Krieg hegen, sich in der Anerkennung für dieses Werk zusammen 
finden. Von diesen Aufsätzen und von Gesprächen über dieses Buch beginnt man 
die Lektüre in der Erwartung, ein überzeugendes Argument gegen die Abscheu 
lichkeit des Krieges zu finden, eine Geschichte mit der Kraft, der Leidenschaft 
lichkeit und scharfen Beobachtungsfähigkeit von Siegfried Sassoons Kriegs 
gedichten; und man wird auch nicht enttäuscht. Aber das Buch ist noch sehr 
viel mehr. Viele Jahre hindurch haben literarische Stimmen Amerikas nach 
wirklichen männlichen Typen im amerikanischen Roman verlangt, und jetzt kommt 
ein junger Autor, der das Leben bis ins Mark fühlt und malt echte Typen in 
universeller Wahrheit; und die Besprechungen sagen uns, daß es ein großes Buch 
des Protestes ist und daß diese Typen „Produkte des Krieges“ sind. 
Im Grunde jedoch sind diese Typen durchaus nicht „Produkte des Krieges“, 
obschon die drei Soldaten sich deutlich wie schwarze Silhouetten von seinem 
grauen Hintergründe abheben. Dos Passos hätte sie schaffen können, auch wenn 
die amerikanischen Großverdiener nicht in den Krieg eingetreten wären. Er 
hätte seine drei Männer auch aus anderen mehr amerikanischen Hintergründen 
wie aus einer Wahlkampagne, einer Lynchliga, einem Stahlstreik oder einer Zu 
sammenkunft der amerikanischen Legion, hervortreten lassen können. Der Autor 
mußte nur eine große und geschlossene Gemeinschaft gestalten, etwas was der 
ungeheueren reichen Wüste amerikanischen Lebens am meisten fehlt. 
Da diese Nachkriegsperiode natürlicherweise eine Zeit überströmender Senti 
mentalität und falscher Frömmigkeit ist, kann man leicht verstehen, daß unsere 
Literatur-Intellektuellen gehirnschwach wurden, als unter der Maschinerie des 
Krieges Fuselli und Chrisfield zerdrückt werden. Der Autor hat sie gezeichnet, 
wie sie sind, und mit großer Sympathie; doch diese zwei würden in jeder an 
dern Staatsmaschinerie, deren Energie sich organisiert hat zu dem Zwecke, Geld 
im allergrößten Maßstabe zu verdienen, ohne Rücksicht auf irgendein individuelles 
oder soziales Menschheitsideal, genau dieselben sein. Wer je gegen den Granit 
block unseres industriellen Lebens aufgestanden ist, kennt Fuselli, den Einge 
wanderten, der offenbar seine Arbeitsgenossen nicht verraten und anschwärzen 
will, aber doch bei jeder Gelegenheit versucht, einen Vorteil für sich auf ihre 
Kosten durchzusetzen. Und jedermann sollte Chrisfield, der ganz klar als der 
am meisten zusammengesetzte Typ der amerikanischen Zivilisation erscheint, aus 
Indiana wiedererkennen. Ein kräftiger, auch sentimentaler Mann, unecht wie ein 
Affe, der unter keinen Bedingungen seinen Verstand gebrauchen will und alles 
feiner Organisierte im Leben: Freundschaft, Frauen, Pflicht, mit der Hand der 
Brutalität anpackt. In ihm ist das neue, kriegskräftige Amerika verkörpert, das 
auf allen kulturellen Werten des Lebens herumtrampelt, überall, wo es hin 
kommt, auf den Westindischen Inseln, den Philippinen, in Europa und im Osten, 
*) Dieser Aufsatz ist der Zeitschrift „Liberator“ entnommen.
	        

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