Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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Das Finanzwesen zur Zeit 
der Diktatur des Proletariats 
(Fortsetzung.*) 
Es ist sehr schwierig und gefährlich, den Propheten zu spielen in bezug auf 
die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines elementaren Krachs unserer Währung. * 
Kein ernster Volk/siwirt würde sich untierfangen, hier etwas in kategorischen 
Ausdrücken vorauszusagen, weil noch nie in der Welt ein Beispiel andauernder 
Existenz einer sozialistischen Wirtschaft neben privatwirtschaftlicher Kleinproduk 
tion dagewesen ist. So lehrreich der Versuch Ungarns auch war, er war zu kurz 
und gibt uns für die Antwort auf unsere Frage nicht genug Material. Wenn wir 
aber theoretisch erwägen und auf Grund unserer Erfahrung urteilen, so kann 
man für weit wahrscheinlicher halten, daß bei entsprechenden Finanzreformen 
seitens des Staates, die den Bedürfnissen des etwas bürgerlichen Kleinhandels ent- 
gegenkommen, unsere Währung keinen Krach erleiden wird. Die in der Entwicke 
lung begriffene Kleinwirtschaft braucht Umlaufsmittel in steigendem Maße, selbst 
wenn sie sich neben der großen sozialistischen Industrie entwickelt. Sie kann nicht 
mit dem während der Kriegszeit versteckten Metallgeld und dem einfachen Natura 
lienaustausch allein auskommen, gar nicht zu reden davon, daß der Krach des 
Papiergeldsystems selbst bei einem so niedrigen Stande des Rubels, wie bei uns, 
für Millionen von Warenproduzenten den fast vollkommenen Vertust ihrer Ein 
künfte bedeuten würde. In Rußland gibt es keine unbeschränkte Reisefreiheit auf 
der Eisenbahn und keine „freien“ Frachten, die Uebersendung von Papiergeld aber 
wird überall durchaus frei von allen Postanstalten ausgeführt; Der Austausch von 
kubanschem Getreide gegen moskauer Baumwollzeug, von Speck aus der Ukraine 
gegen Salz aus Perm usw. kann viel leichter gegen Geldwertzeichen, als ohne die 
selben durchgeführt werden. Ferner darf nicht vergessen werden, daß jetzt auch 
der Staat nicht nur den direkten Warenaustausch im großen Maßstabe betreibt, 
sondern auch als Händler mit der Bauernschaft in Verbindung tritt, wozu er Geld 
gebraucht. So sind denn mehr Aussichten dafür da, daß unsere Währung 
keinen Krach erleidet. 
Wenn sie dennoch einen Krach erlitte, so würde das dem Staat für eine gewisse 
Zeit ernstliche Schwierigkeiten verursachen, aber bei, der bereits erreichten Stufe 
sozialistischer Verteilung würde die Sowjetregierung damit fertig werden und würde 
die papiergeldlose Epoche zur Einführung einer neuen Währung benutzen, ohne die 
die Kleinindustrie ohnehin nicht leben kann. 
Ich werde nicht davon sprechen, wie wir bei einer solchen Wendung der 
Dinge aus der Schwierigkeit herauskommen könnten. Das würde uns zu weit 
führen und es ist deshalb auch unnütz, gerade jetzt davon zu sprechen. Ich kann 
nur sagen, daß unsere Finanzpolitik auch damit, auch mit dieser Möglichkeit 
rechnet und nicht überrascht werden wird. 
V. Die Lehren unserer Finanzerfahrung. 
Zum Schlüsse müssen wir unseren ausländischen Genossen noch einige Worte 
über die Lehren, die wir aus unserer Finanzpraxis gezogen haben, sagen. Die erste 
*) Siehe Gegner II, 10/11, 12.
	        
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