Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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UNTER DER LUPE 
Die russische Hungersnot. 
Wir veröffentlichen nachstehend Teile einer Rede, 
die Dr. Fritjof Nansen im Aufträge der Clar'e am 
17. Februar für die Hungernden in Rußland ge 
halten hat. 
>r • • Jetzt endlich können wir die Funda 
mentalfrage beantworten. Wie heißt diese 
Fundamentalfrage? Sie heißt nicht etwa: 
welches ist die Ursache der Ffungersnot? 
Sie heißt vielmehr: braucht Rußland noch 
Hilfe? Wird man den Bauern, dieser un 
geheuren Landbevölkerung, die Möglichkeit 
geben, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, 
sich wieder auszurüsten für die Bearbei 
tung des Bodens, oder wird die Hilfe nur 
Palliativcharakter tragen, ein provisori 
sches Hilfsmittel sein, das im Grunde zu 
nichts dient? Dieser Frage gibt es nur 
eine Antwort: es ist der Mühe wert, Hilfe 
zu schicken, und sie schnell zu schicken, 
nicht allein um Menschenleben zu retten, 
aber auch um den Geretteten weiter zu 
helfen und genügende Mengen zu senden, 
damit diese Getreidequelle Europas wieder 
in Stand gesetzt werden kann. Aber man 
hat mir folgendes gesagt: „Die Regierun 
gen können nicht und sind nicht berechtigt, 
sich um so ferne Dinge zu bekümmern, 
ehe. sie nicht ihr Möglichstes für die Ver 
besserung der Situation ihrer eigenen Län 
der getan haben.“ Man sagt und man wie 
derholt es: Europa könne sich den Luxus 
nicht leisten, Rußland retten zu wollen, 
und ich antworte, ich, mit aller meiner 
Kraft, daß Europa sich den Luxus nicht 
leisten kann, die Rettung Rußlands zu ver 
nachlässigen. Wir dürfen diese Getreide- 
kammer und diesen Markt nicht verlieren, 
und die Not, die es bedroht, beschränkt sich 
nicht auf dieses Jahr allein, sie wird sich 
auch auf das kommende ausdehnen. 
Europa darf diese beiden Monate nicht 
verstreichen lassen, ohne die hungernde Be 
völkerung zu retten und ihr die Möglich 
keit einer neuen Aussaat zu bieten. Wenn 
man dies nicht versucht, wird das Wolga 
gebiet bald in eine Wüste verwandelt sein. 
Im anderen Falle wird Rußland bald wieder 
ein Markt für die europäischen Produkte 
werden und das Wolgagebiet die reiche 
Kornkammer, die es vorher war. Diese 
Kornkammer und dieser Markt sind dem 
ökonomischen Leben Europas notwendig, 
und es ist nicht allein ein Akt der Wohl 
tätigkeit, sondern ein gutes Geschäft, Ruß 
land zu retten . .. 
Schon vier Monate lang fordere ich von 
den Regierungen, mir eine Summe von 
5 Millionen Pfund Sterling zu gewähren, 
um die Hungersnot zu bekämpfen. 
Wenn wir diese Summe gehabt hätten, 
hätten wir so viele Menschenleben retten 
können! Jetzt fordere ich von den Regie 
rungen drei, Millionen Pfund Sterling. 
Das ist nicht genug, aber je mehr die ame 
rikanische Regierung und die Sowjetregie 
rung geben, umso leichter können wir 
auch mit dieser Summe alles Notwendige 
organisieren, mit Hilfe der schwachen 
Transportmittel, die uns zur Verfügung 
stehen. Doch die Völker müssen ihren 
Regierungen klarmachen, daß es notwendig 
ist, zu handeln und sofort zu handeln, 
sonst wird es zu spät sein. 
Vier Monate ist es her, als ich von dem 
Kampf gegen Kälte und gegen Hunger 
sprach. Damals glaubte ich etwas über 
den Hunger und über die Kälte zu wissen. 
Aber der Kampf ist viel schlimmer, viel 
schrecklicher, als ich ihn mir vorstellte. 
Ich erwartete gewiß dort unten Leiden und 
Tod zu finden, das schrecklichste Elend, das 
man sich überhaupt vorstellen kann. Aber 
das, was ich dort vorfand, das waren Dör 
fer, Städte, Provinzen, in denen eine bis 
ins Mark geschwächte Bevölkerung von 
Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag ihren 
Tod erwartet. Ich hatte mich nicht darauf 
gefaßt gemacht, menschliche Wesen sehen 
zu müssen, die durch die Gewalt des 
Hungers in Bestien verwandelt worden 
sind, Männer und Frauen, die noch bis vor 
einigen Monaten zur großen Familie der
	        

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