Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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behaupten wird — der Bauer aber hat noch keine Initiative entfalten können. 
Jeder Schritt, den er nach vorwärts tun will, um dem Arbeiter nachzufolgen, zerrt 
ihn tiefer in den Sumpf. Er stößt auf den reichen Bauern, er kollidiert mit dem 
geistigen Vorurteil in sich selbst, in der Familie und in der Umgebung, die Besitz 
verhältnisse von Grund und Boden sind ihm als ein unantastbares Heiligtum ein 
gewurzelt, der Kollektivismus im Erdulden zwar ihm angeboren, fällt ihm als 
Arbeit noch schwer — seht diesen in sich zerquälten, von jahrhundertelanger Unter 
drückung geschwächten Menschen straucheln und zusammenbrechen unter dieser 
Last. Keuchend unter der Last sich immer wieder emporheben, schwanken und 
umsinken. Das ist der Ausdruck der gegenwärtigen Katastrophe in Sowjetrußland. 
Der geringste Anstoß, den Zwang zur Initiative einzulullen, hat genügt, die Kata 
strophe herbeizuführen. Die Dürre in den Frühsommermonaten, ungeheure Heu 
schreckenschwärme in der Zeit, als die spärliche Ernte beginnen sollte, bereiteten 
die Epidemien vor und beschleunigten den Zusammenbruch. Die Katastrophe trat 
deshalb so blitzschnell ein, weil die ersten Nachrichten bei dem psychischen Ge 
samtzustand der Bauern in den Nachbargouvernements eine Erstarrung, gleich wie 
eine Schreckenslähmung hervorriefen, die die Wirkung der Mißernte wie im Fluge 
über 19 Gouvernements verbreitete. Jede Hilfe aus eigener Initiative mußte ins 
Stocken geraten, der ganze Organisationsapparat kam zum Stillstand. Die Kata 
strophe, die in der Form einer Epidemie über die Wolgagebiete niederging, zeigt 
ihre Auswirkungen bis in die fernsten Teile des großen Rußland. Eine neue un 
geheure Belastungsprobe für die Regierung der Arbeiter und Bauern, für die Dik 
tatur des Proletariats erzwang die sofortige Lösung dieser Aufgabe. Jeder Nerv 
des politischen und wirtschaftlichen Lebens wurde getroffen. 
Man muß das begreifen, ehe man sich ein Urteil über den häßlichen Zank um 
die Hungerhilfe bilden kann. 
Der Klassengegensatz im Dorf. 
Die Todeszuckungen des bankrotten Imperialismus haben dem Arbeiter die 
Erfahrung beigebracht, daß das Gemeinsame im Allmenschlichen der Menschen 
untereinander vorläufig nur in den Büchern steht. Nur die naiven Gemüter ver 
mögen noch zu glauben, daß in der Tat von allen Menschen gewissermaßen auto 
matisch dorthin Hilfe gebracht wird, wo die Hilfe mit der Erhaltung des Lebens 
von vielen Millionen Menschen davon abhängig ist. In Wirklichkeit ist es eben 
nicht so. Die Wirklichkeit ist rauher. Es herrscht noch überwiegend das kapita 
listische Prinzip in der Welt, und wo es gestürzt ist, wuchern seine Ueberreste. 
Ihr Verwesungsgestank lähmt die Initiative zur vollkommenen Befreiung. Viel 
fach stehen die Menschen eben noch unter dem Tier. Die gegenseitige Hilfe im 
Tierreich ist keine Fabel mehr, sie ist von Wissenschaftlern, Tierpsychologen und 
Naturforschern als ein Lebensgesetz in einwandfreier Weise bestätigt worden. Die 
Menschen sind noch nicht so weit, obwohl ihre organische Anlage danach drängt. 
Erst der Sieg der Arbeiterklasse wird diesen Grundinstinkt der Menschen freilegen. 
Man soll das nicht verschweigen: der Klassengegensatz im Dorfe gerade in 
den Hungergebieten ist auf die Spitze getrieben. Die Macht des Proletariats in 
Rußland wird durch den ökonomischen und politischen Zuschnitt des Dorfes nicht 
charakterisiert Der größte Teil der Bauern, die den Anschluß an die Front der 
Arbeiterklasse vollzogen haben, befindet sich in den Reihen der roten Armee oder
	        

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