Full text: Der Ararat (1 (1920), 7)

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FRANKREICH. 
Der Salon der Unabhängigen. 
Von einem Amateur. 
Die Vitalität der Kunst unserer Zeit offenbart 
sich nur im Salon der Unabhängigen. Hierher 
kommt der Freund moderner Malerei, die echte 
Kunst zu suchen. 
Die Maler der jungen Generation, die hier 
ausstellen: Le Segonzac, L. A. Moreau, 
Tobeen, Lhöte, Marchand, Favory, 
Lewitzka, Ramey, Lotiron, Simone 
Levy, Feder, Galanis, Uter, Gromaire, 
G i m m i, D u r e y stehen im Gegensatz zu den 
Impressionisten,- sie schließen sich unmittelbar an 
die Älteren ihrer Generation an, an die „fauves": 
Matisse, Viamink, Friesz, Dufy, ringen nach 
stärkerer Expression und streben nach einer fast 
monumentalen Kunst, wenn sie nach dem Beispiel 
Cezannes ein Gemälde als ein Schauspiel be- 
greifen, wo die Formen einer rhythmischen Stei 
gerung folgen. Sie nähern sich sogar den Kubisten 
durch die Dichtheit ihrer farbigen Substanz, den 
strengen Ernst ihrer Formen, aber sie verirren 
sich niemals in unleserliche Abstraktionen. 
Für diese Maler bildet Cezanne den Aus 
gangspunkt aller künstlerischen Wirksamkeit, ein 
logisches Vorbild und das Beispiel einer von den 
Impressionisten unbeachtet gelassenen Arbeits 
methode. Erst nachdem die neue Malergenera 
tion die Kunst Cezannes vollständig begriffen 
hatte, hat ihr Streben nach einem universellen 
Stil eingesetzt, in dem die Gesetze der Natur und 
die Elemente des Lebens einen tiefen, echten und 
mit dem Geist der Zeit übereinstimmenden Aus 
drude finden. Das ist die Kunst, in der die 
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neuen und reinen Expressionen der Formen im 
Raum über das Anekdotische, Genremäßige und 
Pittoreske triumphieren sollen. 
Derain hat am meisten beigetragen zur Ent 
wicklung dieser neuen Kunst, die den handfesten 
Materialismus der großen Realisten und die über 
triebene Sensibilität der Impressionisten zu über 
winden im Begriffe ist. Diese Kunstanschauung 
gewinnt immer mehr an Boden. 
Aber der Schatten Rousseaus schwebt über 
allem in diesem Salon. Rousseau, der Zöllner, 
dieser Imagier primitiver Formensprache, der mit 
Aufrichtigkeit Landschaften und menschliche Ge 
stalten einer so wahren Naivität malte und in der 
Ausführung eine größere Liebenswürdigkeit 
erreichte, als es den geschicktesten Kitschmalern 
der Akademie jemals gelungen ist. 
Es war jedenfalls notwendig, diesen treu 
herzigen Künstler zu entdecken, um uns wieder 
die Tatsache zum Bewußtsein zu bringen, daß der 
Instinkt in der Kunst ein sichererer Führer ist als 
mechanisch aufgehäuftes Wissen. 
Rousseau entlockte seiner Schalmei jene 
Melodien, welche für dieses Instrument paßten, 
während die Pseudoprimitiven von heute ihr zu 
muten, gregorianische Messen oder Oratorien 
von Bach wiederzugeben. 
Sein Primitivismus hat nichts Lügenhaftes,- er 
ist ebensowenig italienisch wie flämisch, sondern 
gehört wirklich diesem einfachen Zöllner, der in 
einer volkreichen Vorstadt Paris 7 lebte, mitten 
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unter kleinen Leuten, die er weder an Intelligenz 
noch an anderen Fähigkeiten übertraf. Was er 
an malerischem Wissen besaß, war in vollkom 
mener Übereinstimmung mit seiner Natur. Die 
Aufrichtigkeit seines mit den einfachsten Mitteln 
erreichten Ausdrucks hat es erlaubt, ihn mit den 
0 
alten, holländischen Meistern zu vergleichen,- 
man findet sogar in diesen mit der größten Ein 
fachheit komponierten Gemälden den Reiz, der 
den persischen Miniaturen eigentümlich ist. Aber 
seine Kunst ist am gerechtesten mit den Worten 
Andre Derains bestimmt worden: Das ist eine 
schöne Feldblume. 
Vergeblich suchen wir bei der gegenwärtigen 
Mechanisierung der Kunst in den interessanten 
Spekulationen moderner Maler eine ähnliche 
Aufrichtigkeit. 
Noch ist die Epoche der Spekulationen nicht 
abgeschlossen. Picasso und Braque, denen 
Gris, Metzinger und der ausgezeichnete 
Bildhauer L a u r e n s, wie auch L e g e r in seinen 
Versuchen einer absoluten Malerei folgen: alle 
streben nach dieser neuen Konvention, die 
die naturalistische Illusion der perspektivischen 
Mechanik durch den architektonischen Bildrhyth 
mus ersetzen will,wo dieOberflächen nichts sind als 
Funktionen, das Werk ins Abstrakte zu erheben.
	        
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