Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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mit Naturfarbe, Durch Brechen der zu leuchtenden Farbtöne und Hinzusetzen der noch fehlenden 
macht man den Bildfarbton dem entsprechenden Naturfarbton möglichst gleich. Stimmt ein Farb 
ton, so kann man das Bild auf seinen Platz zurücknehmen und die übrigen zu dem ersten gefühls^ 
mäßig abstimmen. Das Gefühl kann man kontrollieren, indem man jeden Farbton direkt mit der 
Natur vergleicht, nachdem man das Bild wieder neben das Modell gestellt hat. Hat man Geduld 
und stimmt sämtliche großen und kleinen Richtungen, Formen und Farbtöne entsprechend denen 
der Natur unter einander ab, so hat man eine genaue Wiedergabe der Natur. Das kann man 
lernen. Das kann man lehren. Damit man sich nun nicht allzuviel im »Gefühl« täuscht, lernt 
man die Natur selbst kennen 
durch Anatomie und Perspektive 
und sein Material durch Farben 
lehre. Das ist Akademie! 
Ich bitte den Leser um Ent 
schuldigung, daß ich das Abmalen 
so ausführlich erläutert habe. Ich 
mußte es, um zu zeigen, daß es 
Geduldsarbeit ist, gelernt werden 
kann, wesentlich auf Kontrol 
lieren und Abstimmen beruht und 
die künstlerische Arbeit des 
Schaffens verkümmern läßt. Für 
mich war es wesentlich, das Ab 
stimmen zu lernen, und ich er 
kannte allmählich, daß Abstimmen 
der Bildelemente untereinander 
Zweck der Kunst ist, nicht Mittel 
zum Zwecke etwa des KontroL 
lierens. Der Weg war nicht kurz. 
Man muß arbeiten, wenn man 
erkennen will. Und man erkennt 
nur eine Strecke weit, bis Nebel 
den Horizont verhüllt. Erst von 
dort hinten aus kann man wieder 
weiter erkennen. Und ich glaube, 
ein Ende gibt es nicht. Die Aka 
demie kann da nicht mehr helfen. 
Es gibt keine Kontrolle der Er^ 
kenntnisse. 
Zuerst war es mir möglich, mich von der wörtlichen Wiedergabe aller Einzelheiten freizumachen. 
Ich begnügte mich mit der intensiven Erfassung der Beleuchtungserscheinungen durch skizzenhafte 
Malerei Impressionismus). 
In leidenschaftlicher Liebe zur Natur <Liebe ist subjektiv) betonte ich die Hauptbewegungen 
durch Übertreibung, die Formen durch Beschränkung auf das Wesentlichste und Umrandung, die 
Töne durch Zerlegen in komplementäre Farben. 
Das persönliche Erfassen der Natur schien mir jetzt das Wesentlichste zu sein. Das Bild wurde 
Vermittler zwischen mir und dem Betrachter. Ich hatte Eindrücke, malte diesen entsprechend ein 
Bild,- das Bild hatte Ausdruck.
	        

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