Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Man könnte einen Katechismus der Ausdrucksmittel schreiben, wenn es nicht zwecklos wäre, 
so zwecklos wie die Absicht, Ausdruck im Kunstwerk zu erzielen. Jede Linie, Farbe, Form hat 
einen bestimmten Ausdruck. Jede Kombination von Linien, Farben und Formen hat einen be 
stimmten Ausdruck. Der Ausdruck ist nur durch die spezielle Zusammenstellung zu geben, nicht 
etwa zu übersetzen. Man kann nicht den Ausdruck eines Bildes in Worte fassen, wie man den 
Ausdruck eines Wortes, etwa des Wortes »und«, nicht malen kann. 
Der Ausdruck eines Bildes ist aber doch so wesentlich, daß es sich lohnt, ihn konsequent zu 
erstreben. Jede Absicht, Naturformen wiederzugeben, beeinträchtigt die Kraft der Konsequenz 
in dem Herausarbeiten eines Ausdrucks. Ich verzichtete auf jede Wiedergabe von Naturelementen 
und malte nur mit Bildelementen. Dieses sind meine Abstraktionen. Ich stimmte die Elemente 
des Bildes untereinander ab, immer noch wie damals in der Akademie, aber nicht zum Zwecke 
der Naturwiedergabe, sondern zum Zwecke des Ausdrucks. 
Jetzt scheint mir auch das Streben nach Ausdruck im Kunstwerk schädlich für die Kunst zu sein. 
Kunst ist ein Urbegriff, erhaben wie die Gottheit, unerklärlich wie das Leben, undefinierbar und 
zwecklos. Das Kunstwerk entsteht durch künstlerisches Ab werten seiner Elemente. Ich weiß 
nur, wie ich es mache, ich kenne nur mein Material, von dem ich nehme, ich weiß nicht, zu welchem 
Zwecke. 
Das Material ist so unwesentlich, wie ich selbst. Wesentlich ist das Formen. Weil das Material 
unwesentlich ist, nehme ich jedes beliebige Material, wenn es das Bild verlangt. Indem ich ver* 
schiedenartige Materialien gegeneinander abstimme, habe ich gegenüber der nur*Ölmalerei ein 
Plus, da ich außer Farbe gegen Farbe, Linie gegen Linie, Form gegen Form usw. noch Material 
gegen Material, etwa Holz gegen Sackleinen werte. Ich nenne die Weltanschauung, aus der 
diese Art Kunstgestaltung wurde, »Merz«. 
Das Wort »Merz« hatte keine Bedeutung, als ich es formte. Jetzt hat es die Bedeutung, die 
ich ihm beigelegt habe. Die Bedeutung des Begriffs »Merz« ändert sich mit der Änderung der 
Erkenntnis derjenigen, die im Sinne des Begriffs Weiterarbeiten. 
Merz will Befreiung von jeder Fessel, um künstlerisch formen zu können. Freiheit ist nicht 
Zügellosigkeit, sondern das Resultat strenger künstlerischer Zucht. Merz bedeutet auch Toleranz 
in Bezug auf irgendwelche Beschränkung aus künstlerischen Gründen. Es muß jedem Künstler 
gestattet sein, ein Bild etwa nur aus Löschblättern zusammenzusetzen, wenn er nur bilden kann. 
Die Wiedergabe von Naturelementen ist nicht wesentlich für ein Kunstwerk. Aber es können 
an sich unkünstlerische Naturdarstellungen Teile eines Bildes sein, wenn sie gegen die übrigen 
Teile des Bildes gewertet werden. 
Ich habe mich zunächst noch mit anderen Kunstarten beschäftigt, z. B. der Dichtkunst. Elemente 
der Dichtkunst sind Buchstaben, Silben, Worte, Sätze. Durch Werten der Elemente gegen* 
einander entsteht die Poesie. Der Sinn ist nur wesentlich, wenn er auch als Faktor gewertet wird. 
Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche An* 
gelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, daß er bislang so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb 
liebe ich den Unsinn. 
Hier muß ich den Dadaismus erwähnen, der wie ich den Unsinn kultiviert. Es gibt zwei Gruppen 
von Dadaisten, die Kern* und die Hülsendadas, welch letztere besonders in Deutschland wohnen. 
Ursprünglich gab es nur Kerndadaisten, die Hülsendadaisten haben sich von diesem ursprünglichen 
Kern unter ihrem Führer Hülsenbeck abgeschält und bei der Abspaltung Teile des Kernes mit* 
gerissen. Das Abschälen vollzog sich unter lautem Geheul, Absingen der Marseillaise und Verteilen 
von Fußtritten mit den Ellenbogen, eine Taktik, deren sich Hülsenbeck noch heute bedient. Der 
Dadaismus wurde unter Hülsenbeck eine politische Angelegenheit. Das bekannte Manifest des 
dadaistischen revolutionären Zentralrates Deutschlands verlangt die Einführung des radikalen
	        
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