Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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in einem Chaos von neuen, revoltierenden Klang 
gebilden, ein brennender Tetrachord! Das wirkt 
epatanter als eine Quintenfolge bei Badi. Das 
Scherzo ist von einer grandiosen, ins Meta 
physische projizierten Lustigkeit. Als kleine 
Überraschung für entsetzte Hörer ein Ballge 
spiele und Jonglieren mit zusammenklirrenden 
kleinen Sekunden zwischen auf- und nieder 
rasenden Ganztonlinien. Martellato das nächste 
Stück, mit fatalistisch hämmerndem Synkopen* 
Rhythmus. <Hier melden sich die Zusammen* 
hänge mit Scrjäbin, dessen typische Quart- 
Melodik akut wird.) Der Schluß träumerisch, 
fragend, reflexiv, in chromatischen Selbstquäle 
reien. In*sich*gebogen. Klang*ge wordene Re 
signation. 
Und Bartök geht weiter zum »Allegro bar* 
baro«, zu seiner letzten, ganz aufs Lineare ein 
gestellten Kammermusik. Die Stimmführung 
wird immer klarer, sauberer, unbekümmerter. 
Es folgt die Musik zum »Hölzernen Prinz«, 
eine wilde und seltsam marionettenhafte, ku* 
bistische Melodik. Ungarische Tonempfindung, 
lange genug von sich selbst über*lisztet, be 
ginnt sich zu erheben. Solche Ekstase peitscht 
auf, läuft Amok, kennt keine physischen Grenzen 
mehr. Das Melodische wird Exzeß. Klang 
zerpufft. Bewegung ist Trumpf! 
Letzte Steigerung knattert in der »Mandarin«* 
Pantomime. Hier leuchtet die Gemeinsamkeit 
mit Schönbergs jüngsten Werken. Tonalität 
weicht dem Chroma. Das Erlebnis wird eksta* 
tisch. Der Ausdruck ins Geistige verlegt. Diese 
Musik ist nicht mehr malerisch. Sie steht auf 
sich selbst, ist absolute Kunst geworden, ist or* 
ganisch, nicht mehr schematisch. 
Der Wille zur Vergeistung fängt an sich 
durchzusetzen. Gebärde wird exzentrisch. Licht 
blendet. Schatten ist namenloses Schwarz*Sein. 
Die Melodik beginnt ihre tänzerische Selbst 
besinnung zu erschauen. Klangliches versinkt. 
Klang ist sekundär, ist Verfall, ist Impotenz! 
Horizontalität setzt ein. DieTradition verbrennt. 
Bartök ist ewig! 
Hans Heinz Stuckenschmidt. 
GLOSSEN 
Helmud Kolle / Paul Klee 
(Zugleich eine Erwiderung auf Hans Kaisers gleichlau* 
tenden Aufsatz in seinem »Hohen Ufer« Heftl, II. Jahrg.) 
Worin unterscheidet sich ein Leben, das wir 
ein großes nennen, von dem des Mittelmaßes? 
Worin die Persönlichkeit vom Durchschnitts 
menschen? 
Danach müssen wir erst mal fragen, wenn 
wir in Hans Kaisers »Hohes Ufer« blicken und 
seine kurzen verächtlichen Worte über Paul Klee 
betroffen lesen. 
Wir brauchen im gleichen Hefte nur die gegen* 
überliegende Seite — Rudolf Kaßners treffliche 
Worte über die »Elemente der menschlichen 
Größe« — aufmerksam zu lesen: 
»Persönlichkeit heißt ganz entschieden nicht, 
daß ein Mensch groß und stark und anders als 
die anderen sei, sondern daß der Mensch und 
die Welt nicht nur zufällig übereinstimmen und 
ineinander greifen, daß sie voneinander das Maß 
haben und ineinander zu finden seien.« 
DieseW orte, weise auf einen höheren Maßstab 
des Wertes deutend, finden wir auf jener Seite. 
Und was wollen sie anderes sagen, als, daß 
ein Leben erst dann sich erhebt über das Ge* 
gebene, wenn wir dessentwillen abstoßen alles, 
was zufällig ist — wenn wir diejenige Harmonie 
schaffen, die einzig zum Kunstwerk führt: Wenn 
wir unser Menschentum mit dem Charakter 
formen, wenn wir unsere Empfindungen durch 
den Willen abstrahieren. 
Denn ist nicht erst das überhaupt Produktion — 
einzig bewertbare Arbeit — die überwindet und 
daraus schöpft, Neues zu formen? 
Nein, Herr Hans Kaiser, nicht ist es Zärt* 
lichkeit »literarisch geäußert« <wie Sie schreiben), 
die uns Klees Bilder liebenswert erscheinen läßt. 
Denn in der Tat ist dieses Zärtlichkeitsbedürfnis 
für Mond, Sonne und Sterne, für Herzen und 
Blümlein als deutsche Sentimentalität in jedem 
Dienstbotenzimmer über Bett und Kommode 
dokumentiert zu finden.
	        

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