Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Kommunismus als dadaistische Forcierung. Hülsenbeck schreibt 1920 in seiner Geschichte des 
Dadaismus bei Steegemann: »Dada ist eine deutsche bolschewistische Angelegenheit.« Das oben 
erwähnte Zentralratsmanifest fordert ferner »den brutalsten Kampf gegen den Expressionismus«. 
In der Geschichte des Dadaismus schreibt Hülsenbeck ferner: »Kunst sollte überhaupt mit schweren 
Prügeln belegt werden.« In der Einleitung des kürzlich erschienenen Dadaalmanachs schreibt 
Hülsenbeck: »Dada macht eine Art Antikulturpropaganda«. Also der Hülsendadaismus ist politisch 
orientiert, gegen Kunst und gegen Kultur. Ich bin tolerant und lasse jedem seine Weltanschauung, 
aber ich muß erwähnen, daß derartige Anschauungen Merz fremd sind. Merz erstrebt aus Prinzip 
nur die Kunst, weil kein Mensch zween Herren dienen kann. 
Aber »die Auffassung der Dadaisten von Dadaismus ist eine sehr verschiedene« wie Hülsenbedc 
selbst zugibt. Und so schreibt Tristan Tzara, der Führer der Kerndadaisten im Manifest Dada 1918: 
»Jeder macht seine Kunst aufseine Art« und ferner »Dada ist das Wahrzeichen der Abstraktion«. 
Ich muß erwähnen, daß Merz mit dem Kerndadaismus in dieser Fassung und mit der Kunst 
der Kerndadaisten Hans Arp, den ich besonders liebe, Picabia, Ribemont=Dessaignes und 
Archipenko eine enge künstlerische Freundschaft verbindet. Hülsendada hat sich nach Hülsenbedcs 
eigenen Worten »zum Hanswurst Gottes gemacht«. Während der Kerndadaismus festhält an den 
guten alten Traditionen abstrakter Kunst. Hülsendada: »sieht sein Ende voraus und lacht darüber«, 
während der Kerndadaismus solange leben wird wie die Kunst lebt. Auch Merz erstrebt die Kunst 
und ist Feind des Kitsches, auch des Kitsches aus Prinzip, selbst'wenn er sich unter Hülsenbecks 
Leitung Dadaismus nennt. Es darf nicht jeder, der nicht die Fähigkeiten besitzt über Kunst zu 
urteilen, über Kunst schreiben: »quod licet jovi non licet bovi«. Merz lehnt die inkonsequenten 
und dilettantischen Ansichten über Kunst des Herrn Richard Hülsenbedc grundsätzlich und energisch 
ab, während es die oben erwähnten Ansichten Tristan Tzaras offiziell anerkennt. 
Hier muß ich noch ein Mißverständnis aufklären, welches durch meine Freundschaft zu einigen 
Kerndadaisten entstehen könnte. Man könnte denken, ich bezeichnete mich selbst als einen Dadaisten, 
zumal da auf dem Umschläge meiner Gedichtsammlung »Anna Blume«, Verlag Paul Steegemann, 
das Wort »dacfa« geschrieben steht. 
Auf demselben Umschlag ist eine Windmühle, ein Kopf, eine rüdefahrende Lokomotive und 
ein Mann gezeichnet, der in der Luft hängt, Das bedeutet weiter nichts, als daß in der Welt, in 
der Anna Blume lebt, in der Menschen auf dem Kopfe gehen, Windmühlen sich drehen und 
Lokomotiven rückwärts fahren, auch dada existiert. Um nicht mißverstanden zu werden, habe ich 
auf den Umschlag meiner Kathedrale »Antidada« geschrieben. Das bedeutet nicht, daß ich gegen 
den Dadaismus wäre, sondern daß es in dieser Welt auch eine gegen den Dadaismus gerichtete 
Strömung gibt. Lokomotiven fahren von hinten und von vorne. Warum soll eine Lokomotive 
nicht einmal rückwärts fahren? 
Solange ich male, modelliere ich auch. Jetzt mache ich Merzplastiken: Lustgalgen und Kultpumpe. 
Die Merzplastiken sind wie die Merzbilder aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt. Sie 
sind als Rundplastik gedacht und haben beliebig viele Ansichten. 
Haus Merz war meine erste Merzarchitektur. Spengemann schreibt darüber im Zweeman 
Heft 8—10: »Ich sehe in Haus Merz die Kathedrale: die Kathedrale. Nicht den Kirchenbau, nein, 
das Bauwerk als Ausdruck wahrhaft geistiger Anschauung dessen, was uns in das Undendliche 
erhebt: der absoluten Kunst. Diese Kathedrale kann nicht benutzt werden. Ihr innerer Raum ist 
mit Rädern so sehr angefüllt, daß Menschen keinen Platz in ihr finden . . . das ist die absolute 
Architektur, die lediglich einen künstlerischen Sinn hat.« 
Die Beschäftigung mit verschiedenen Kunstarten war mir ein künstlerisches Bedürfnis. Der Grund 
dafür war nicht etwa Trieb nach Erweiterung des Gebietes meiner Tätigkeit, sondern das Streben, 
nicht Spezialist einer Kunstart, sondern Künstler zu sein. Mein Ziel ist das Merzgesamtkunstwerk,
	        

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