Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Campendonk gelang es ausnahmsweise die grundsätzlich 
ablehnende Haltung wenigstens momentan zu durchbrechen. 
An diesen Zuständen haben vier Jahre leidenschaftlichsten 
Sicheinsetzens und mühevollster Kleinarbeit nichts zu 
ändern vermocht, wohl aber bewogen sie den Unterzeichn 
neten sich von der Geschäftsführung des Kunstvereins 
zurückzuziehen. 
Die einzige Privatsammlung der Stadt, die des Herrn 
Dr. Grisebach umfaßt einige Blätter von Munch, Hodler, 
Huber, Amiet, Giacometti und Kirchner. Hie oder da 
besitzt jemand das eine oder andere Bild ähnlicher Richtung. 
Es gelang erst in den letzten Jahren nicht selten, Bilder 
von Campendonk, Bloch, Klee u. a. in verständnisvolle 
Hände zu leiten, aber das sind mehr oder weniger Einzel- 
fälle. In breiteren Kreisen wird hier die Kunst, soweit 
sie nicht nur »Brücke« zwischen Alt und Neu darstellt, in 
naher Zukunft schwerlich Verständnis finden. 
Maler gibt es natürlich. Außerdem einen Expression 
nisten, den gerade ich nicht ausführlicher erwähnen kann. 
Die Zeitungen verhalten sich neutral. Das Museum 
befaßt sich ausschließlich mit Stadtgeschichte. Kunst* 
händler gibt es nicht. Dr. Walter Dexel. 
KÖNIGSBERG i. Pr. 
In der Umgebung Königsbergs werden sehr viele Kar 
toffeln gebaut. Und in der Stadt verkauft. Und gegessen. 
Da man Kartoffeln beim besten Willen nicht als geistige, 
wohl aber als körperlich sättigende Nahrnng ansprechen 
kann, geht daraus Königsbergs Verhältnis zur Neuen 
Kunst klar hervor. Das soll nicht heißen, Königsberg sei 
arm an wahrem Künstlertum. Keineswegs. Im Gegen- 
teii. Ostpreußen, eingeordnet in das Kunstleben Europas, 
stellt einen nicht unwesentlichen Faktor dar. Die Kunst 
West- und Süddeutschlands weist vielfach nachweisbar 
typisch östlichen Einfluß auf. Indessen, ich betone: Eu 
ropa. Womit dargetan sein soll, daß Wille zur Kunst, 
unbekümmert um alles andere, intensiv vorhanden ist. 
Er ist es in der Tat. Das scheint mir nicht ohne 
Bedeutung und nicht zu übersehen, wollte unserer 
Stadt Kunstniveau man beurteilen. <Denn gottlob 
bedingen nicht Kritiker oder Publikum das Kunst 
niveau, sondern lediglich Künstler selbst.) 
Europa. Die große Ausstellung dieses Jahres, 
unstreitig die bedeutendste, die Königsberg je ge 
sehen, veranstaltet von der Freien Künstlerver 
einigung »Der Ring«, beherbergte Europa. 
Francois Villon, Davringhausen, Kan- 
dinsky,Kokoschka, Klee, Schmidt-Rott 
luff, Barlach, Lehmbruck, Eber z, —Namen 
von Klang. Wille, wie gesagt, ist da. Ausströmt 
ihn eine Gruppe von Künstlern — eben »Der 
Ring« — zusammen mit einigen Außenseitern. 
Diese Wenigen sind als die geistigen Führer an 
zusehen. Doch nicht Quantität, sondern Qualität 
wertet. Und auch sie ist da. Alexander Kolde, 
der Ekstatiker der Ruhe, GerhardT.Buchholtz, 
dessen Bildwerke Farbe, Wort, Ton zu unerhörter, 
lyrischer Symphonie vereinigen, Charles Girod, 
der phantastische Schöpfer neuer Wesen und Formen, 
Gestalter süßdunkler Märchenstimmung vom Geiste E. 
T. A. Hoffmanns, nur zwingender und ganz eigenwegig, 
Koschnitzki, Kuhnau, Freymuth — sie alle stellen 
sich würdig an die Seite der anderen — : auch sie gehören 
Europa! 
Nicht nur die Malerei steht auf diesem Punkte. Zwei 
Reformatoren der Plastik dürfen nicht vergessen werden: 
Rosenberg und vor allem ArthurWellmann, dessen 
Entwickelung die Kurve seines Wegs zu jäher Steilheit 
emporriß. — Wenn heute immer noch das Kunstleben 
Königsbergs allen anderen Städten nachhinkt, trostlos 
niedrige Linie zeigt, — die Schuld trifft nicht die Künstler, 
Grund ist nicht Mangel an guten Künstlern, — Ursache 
suche man allein in der Stellungnahme der Presse! Völlige 
Teilnahmlosigkeit in einem Teile, obstinate Verbohrtheit 
ins Gegebene auf der anderen Seite,- das ist der traurige 
Stand in der Königsberger Kunstkritik. Wohl gibt es 
Ausnahmen. Aber auch sie vermögen nichts. Zumal 
diese Ausnahmen nur insofern milder anzusehen sind, als 
wenigstens sie zu Toleranz neigen. Indessen fehlt auch 
ihnen das Wichtigste, Unentbehrlichste: Kunstemp 
finden. <Man wolle doch bitte das Wort »Kunstver 
ständnis« ausrotten! Kunst ist nicht eine Sache des Ver 
standes, vielmehr ausschließlich eine Sache des Gefühls.) 
Eine gewisse Presse steht auf besonders trostlosem Boden, 
einem Boden, gemischt aus Arroganz und uferloser Bor 
niertheit. Da sind beispielsweise Leute, die sich nicht ent- 
blöden, irgend Kunstwerke abzulehnen, die von jüdischen 
Künstlern stammen! Es gibt heute in Königsberg nicht 
einen Kritiker, der vom Wesen der Neuen Kunst durch 
drungen, der fähig wäre, sich hineinzufühlen! 
Wie soll unter solcher »Führung« des Publikums Stel 
lungnahme sich gestalten ?! Interesselosigkeit, blindes Nach 
beten des Kritikergewäschs bestenfalls, oder Spott. Oder 
Paul Klee 
Südliches Stadtbild. (Aquarell)
	        
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