Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Beim Essen nahm Rodin eine Olive zwischen 
Daumen und Zeigefinger: »Davon lebten die 
Griechen! Von einem Stück schwarzen Brotes, 
einem Ziegenkäse und dem Wasser aus dem 
nächsten Bach. Wie glücklich waren die Griechen 
in ihrer Armut und welche Wunder haben sie 
uns hinterlassen .... Ich glaube, ich habe end 
lich entdeckt, woraus alle diese Meisterwerke 
gemacht wurden. Das Geheimnis der Griechen, 
es liegt in ihrer Liebe zur Natur .... Natur! 
Wenn ich sie, auf denKnieenvor ihr, beobach 
tete, habe ich immer meine schönsten Stücke ge 
macht. Man hat mir oft vorgeworfen, meinem 
„Homme qui marche" keinen Kopf gegeben zu 
haben,- aber läuft man etwa mit dem Kopf?« 
Renoir: »Haben Sie das Russische Ballet ge 
sehen?« 
Rodin: »Welche Tänzer, diese Russen . . . . 
Ich ließ einen von ihnen Modell stehen, auf einer 
Säule .... ein Bein zurückgebogen, die Arme 
vorgestreckt. Ich wollte eine Gottheit machen, 
die auf fliegen will. Aber an diesem Tage hatte 
ich die Gedanken anderswo, ich träumte von 
den Griechen .... Und, nach und nach, verfiel 
ich in Schlaf, den Tonklumpen in der Hand. 
Plötzlich fahre ich auf: Mein Modell hatte seine 
Pose verlassen \ ... . ohne weiteres verlassen! 
Wo ist die Zeit, da der Künstler noch Rechte 
hatte! Irgendjemand erzählte mir die Geschichte 
des antiken Bildhauers, der einen von den Hun 
den zerfleischten Aktäon machen wollte, und 
auf sein Modell eine Meute ausgehungerter 
Hunde losließ« .... 
»Und der Papst?« unterbrach Renoir »Sind 
Sie zufrieden gewesen mit ihm? Man sagte mir, 
daß er sehr gut gesessen habe«. 
Rodin schüttelte den Kopf: »Dieser Papst 
versteht nichts von der Kunst. Ich wollte ein 
kleines Stüde von seinem Ohr erwischen. Aber 
mein Modell hatte die Stellung eingenommen, 
die es für die vorteilhafteste hielt,- es war un 
möglich, etwas von diesem verteufelten Ohr zu 
sehen. Wohl versuchte ich, meinen Platz zu 
wechseln, aber in dem Maße, wie ich schwenkte, 
rutschte auch er herum .... Wie weit sind wir 
weg von Franz I. der dem Tizian die Pinsel 
aufhob.« 
(Aus dem bei Cres, Paris, demnächst erscheinenden Buche 
von A. Vollard »Renoir«.) 
RUSSLAND 
Eine Ausstellung russischer Kunst in 
Hannover 
Wer in diesen Tagen die schönen Räume der 
Galerie von Garvens betrat, war geblendet von 
den glühenden Farbenklängen, die ihm von den 
Wänden entgegenflammten. Robuste Gesund® 
heit, überströmendes Lebensgefühl, erdhafte 
Freude und ein Schwelgen in ungebrochenen 
Farben gab dem Schauenden die Gewißheit, 
der Kunst eines jungen, unverbrauchten Volkes 
gegenüberzustehen. Der Hauptsaal wurde von 
drei großen Gemälden von Kandinsky bestimmt. 
Die Improvisation Nr. 10 vom Jahre 1919, breit 
hingebaut, aus gelbem Zentrum heraus ent® 
wickelt, das rechts von einem vegetativ auf® 
schießenden, in dünnen Verästelungen wieder 
niedersinkenden Grün umarmt, links von kräf® 
tigen, violett®roten Akkorden in zentrifugalem 
Rhythmus eingekreist wird, ist von sinnlicher 
Schönheit erfüllt, eine Melodie des Wachsens 
und Kreisens und trotz aller Abstraktion gleich® 
sam das Lied der Erde. Daneben die bewegtere, 
nervöse Musik der Improvisation 21, weniger 
sinnlich, weiter dem Irdischen entrückt, ein blasser 
Violettgrund, den zuckende und züngelnde Linien 
klingend durchpflügen. Dazu die erste Fassung 
des »Bildes mit weißer Form« von 1913, dra® 
matischer und wuchtiger als die andern, noch 
geschlossener und überzeugender, und unver® 
geßlich trotz ihrer vollkommenen Gegenstands® 
losigkeit,- daneben ein kleines Aquarell von 1915 
ganz zart und leicht beschwingt, in manchen Par® 
tien an Aquarelle von Klee gemahnend, von 
subtilen Farbklängen durchwirkt und trotz aller 
Leichtigkeit voll göttlichen Feuers, wie Mozart® 
sehe Musik. Schon angesichts dieser Beispiele
	        
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