Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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wie willenlose Marionetten tanzen, zwischen 
Geburt und Tod — der gewaltigste Gestalter 
unserer Zeit, groß genug um dem andern rus 
sischen Riesen an die Seite gestellt zu werden: 
Dostojewsky —■. 
Zwischen den beiden großen Malern der größte 
Plastiker des Ostens: Archipenko. Seine »Frau 
mit Katze«, zusammengepreßt, ganz in die 
Würfelform des Blockes geduckt, ist trotz aller 
Einfachheit von lebendigem Rhythmus bewegt, 
von warmer Sinnlichkeit durchstrahlt. Der 
»Heros«, in eigenwilliger Geste aufgereckt und 
zurückgebogen, asketisch in der Modellierung 
seiner kristallischen Formen, ist Ausdruck, 
der ganz und gar zu künstlerischer Ordnung 
versteinerte. Zahlreiche schöne Zeichnungen des 
Bildhauers — meist mit Rötel oder weichen 
Kreiden auf farbiges Papier geworfen, schälen 
aus der Mannigfaltigkeit der sinnlichen Erschei 
nung die Drehpunkte und Gelenke des Funk* 
tionalen heraus, zeigen in rhythmischen Steno* 
grammen — nicht unähnlich dem theoretischen 
Liniensystem, mit dem der Ingenieur das kom* 
plizierte Spiel entgegengesetzter Kräfte in gra* 
phischer Abstraktion zu entwirren sucht — die 
klare Gesetzlichkeit des Dynamischen, deuten 
in einfachster Formel die weise Mechanik alles 
Lebendigen. 
Weniger konsequent und unerbittlich, weicher 
und biegsamer als die herrischen Fanatiker Kan* 
dinsky, Chagall und Archipenko ist Alexey 
von Jawlensky, dessen Schaffen einige Monate 
zuvor in einer Ausstellung der Kestner*Gesell* 
schaft vorgeführt wurde. Kein Kämpfer und 
Umstürzler wie die drei andern, kein Riese, der 
in vulkanischer Unerschöpflichkeit immer neue 
Visionen aus sich herausschleudert, vielmehr 
ein Träumer und Dichter, ein stiller Gottsucher, 
den ein und dasselbe Motiv, ein Blick aus dem 
Fenster, immer von neuem zu farbenschönen 
Variationen begeistern kann. 
Und nun die zahlreichen jungen, fast noch 
unbekannten Maler, die das Bild dieser auf* 
schlußreichen Ausstellung vervollständigen. Adja 
Junker hat einen eigenen Stil noch nirgends ge* 
funden. Vor kurzer Zeit noch ganz und gar im 
Banne Kandinskys, versucht er es heute in der 
Gefolgschaft Chagalls. Franz Radziwill — in 
den Bildern noch sehr ungleichmäßig und dem 
Maler von Witebsk oft allzu nahe auf den 
Fersen — gibt in seinen Aquarellen da und dort 
Proben einer jungen Begabung, die nur Zeit 
und Ruhe braucht, um bald zu selbständiger 
Bedeutung zu gelangen. Golyscheff, zu unge* 
zügelt, um zu eigentlicher Gestaltung vorzu* 
dringen, entwickelt in seinen Aquarellen ein Far* 
bengefühl von ungewöhnlicher Feinheit, so daß 
man hoffen muß, aus diesem schönen Material 
werde bei Selbstzucht und Wille zur Organisation 
eines Tages ein gerundetes Werk erstehen. Lasar 
Segall, dessen Figurenbilder mir vor etwa zwei 
Jahren noch allzu gewollt und gewalttätig und 
nicht aus jener Notwendigkeit heraus gewachsen 
schienen, die allein erst das Kriterium des Kunst* 
Werkes ausmacht, ist zu einem Maler von Be* 
deutung herangereift. Ganz selbständig schafft 
er aus einer gedämpften Palette, häufig aus dem 
Zweiklang violett und gelb, Kompositionen von 
eindringlicher Größe. In der »Schwangeren«, 
seinem besten Bilde auf dieser Ausstellung, 
Mann und Frau in heiligem Schweigen bei* 
einander, als lauschten sie dem leisen Pochen des 
neuen kleinen Lebens, das aus den geheimnisvol* 
len Tiefen mütterlichen Blutes herauf zum Lichte 
strebt, der großen, seltsamen Blume vergleichbar, 
die der Künstler zwischen dem Menschenpaar em* 
porwachsen läßt. Geburt und Tod, diese beiden 
Mysterien, hat die russische Kunst immer wieder 
und immer auf neue Art zu gestalten versucht. 
Diese große russische Kunst, fanatisch, ex* 
zessiv, maßlos, ist nicht ohne Tradition. Man 
darf nur nicht an das 18. und 19. Jahrhundert 
denken, denn Peter der Große hatte dem echten 
Russentum mit seinen westlichen Ambitionen 
einen so schweren Schlag versetzt, daß es lange 
Zeit fast ganz von Westlichkeiten verschüttet 
war. Daß sein großes Denkmal von einem 
Franzosen geschaffen wurde, ist nicht ohne sym* 
bolischen Sinn. Westliche Einflüsse aller Art 
durchziehen das ganze 19. Jahrhundert, und 
Künstler wie Weretschagin und Somoff sind 
französische Maler, die zufällig in Rußland ge* 
boren wurden. Sie sind mit Recht in dieser 
Ausstellung russischer Kunst gar nicht
	        

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