Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

142 
wird angenommen und der Ausführung über* 
gehen. Er hat eine mustergültige Umfriedung 
der Bühne geschaffen, aber es stellt sich her* 
aus, daß die Dekoration in keiner Weise 
mit der Erhabenheit der Tragödie der ersten 
Menschen in Einklang steht und das Spiel der 
Darsteller beeinträchtigt. Die Kulissen werden 
abgerissen, in die Scheune expediert und die 
Arbeit einiger Monate ist einfach zum Teufel. 
Nach endlosen Erwägungen und Beratungen 
entscheidet man sich schließlich, für das ganze 
Mysterium mit Ausnahme zweier Bilder des 
zweiten Aktes lediglich eine Säulendekoration 
in Anwendung zu bringen. Säulenbestandene 
Stufen von mächtigen Dimensionen führen in die 
Tiefe der Bühne zu einem türkisblauen Himmel 
empor, wobei dann rechts vom Zuschauer die 
Pforten des Paradieses gedacht sind. Diese 
Szenerie, noch gehoben durch gewisse Beleuch* 
tungseffekte, war von unsagbarer Schönheit, er* 
regend und erhebend zugleich und ließ die Seele 
in ungeahnte Fernen entschweben. Das erste 
Bild, Kains Flug mit Luzifer durch die Myriaden 
der Gestirne, sowie das zweite Bild — das Reich 
des Todes, konnten künstlerisch nicht befriedigen, 
denn den Intentionen des Regisseurs waren aus 
technischen Gründen bald Grenzen gesetzt. 
Schon die ersten Bühnenproben ergaben, daß 
auch der Rhythmus der althergebrachten Gesten 
ein Ding der Unmöglichkeit sei. So sah man sich 
vor zwei neue Aufgaben gestellt: Tonfall und 
Ausdruck des Wortes dahin zu ändern, daß sie 
dem Stil der Dichtung entsprachen und eine Linie 
der Bewegung zu finden, die dem gesprochenen 
Wort die erwünschte LInterstützung verlieh. 
Stanislawski war derjenige, der die Liebe 
zum Wort, zum Rhythmus und zur Plastik nach 
jahrelangem Vergessensein zu neuem Leben er* 
weckte. Der neue »erhabene« Mensch ist seine 
Schöpfung. Es ist schwierig und wäre verfrüht, 
schon heute erklären zu wollen, worin hier seine 
Eigenart besteht. Wichtig ist vor allem die Tat* 
Sache, daß der Meister der russischen Schauspiel* 
kunst mit genialem Instinkt erkannt hat, was in den 
Gemütern der Jugend gärte und zutage drängte. 
Allein trotz der heldenhaften Anstrengungen 
und dem anfeuernden Beispiel »des jungen Grei* 
ses imsilbernenHaar« (Stanislawski), vermochten 
nicht alle Mitwirkenden sich zum echten Pathos 
des Mysteriums durchzuringen. Was Tsche* 
chow gesät, war bei manchen zu üppig aufge* 
gangen. 
Nun ein paar Worte über die das Drama be* 
gleitende Musik — einer Komposition Tsches* 
nokows für Orchester, großen Chor und Orgel, 
mit deren Eintritt die Aufgabe der Künstler noch 
komplizierter wird. Es fällt mir schwer zu sagen, 
ob die Musik im großen Ganzen vollkommen 
und ob ihr Stil streng eingehalten war. Vielleicht 
nicht immer. Ein Eindruck wird mir aber un* 
vergeßlich bleiben, das ist die Szene, die auf die 
Ermordung Abels folgt: im Vordergrund der 
Bühne liegt der erschlagene Abel. Zillah, Abels 
Weib, kommt herbeigeeilt. Ihr ist der Gedanke 
an den Tod ganz fremd, sie weiß noch gar nicht, 
was das ist — der Tod. Sie erblickt Abel und 
glaubt, er schläft. Dann ein atemraubender 
Augenblick. — Zillah entdeckt das Blut an Abels 
Stirn. Sie neigt sich horchend über ihn, der leb* 
los verharrt. Sie wendet sich fragend an Kain — 
aber jener schweigt. Da kommt ihr die Erkennt* 
nis, daß Abel tot ist, sie schreit gellend auf: 
»Vater! — Mutter! — Adah! O eilt herbei, 
der Tod ist in der Welt!« und stürzt davon. Da 
erschallen verhaltene, schwermütige Glocken* 
töne, erhabene Orgelklänge und feierlicher Chor* 
gesang, immer machtvoller, immer brausender 
schwillt es an und getragen von diesen Tönen 
beginnt nun Kain: 
»Und wer bracht' ihn hierher? — Ich, der so 
tief den Namen „Tod" gehaßt, daß der Gedanke 
vergiftet all mein Leben, eh' ich ihn geschaut — 
ich war's, der meinen Bruder führte in seine kalte 
reglose Umarmung.« 
Diese Worte, vereint mit der tiefen Wehmut 
der sie begleitenden Musik, waren von ergrei* 
fender, ja erschütternder Wirkung. 
Wie sollte unser Blut heute nicht in Wallung 
geraten, wie sollten wir nicht zu grübeln beginnen 
angesichts dieser ersten Tragödie des Menschen* 
geschlechts ,• wenn auch um einer hohen Idee willen 
— Kampf gegen die göttliche Ungerechtigkeit — 
so bleibt die furchtbare Tatsache des Bruder* 
mords doch immer bestehen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.