Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

143 
Verlief die Aufführung für Darsteller und 
Publikum in gleicher Weise? Ich muß es leider 
verneinen. Wo lag die Schuld? Viele behaupten 
am Publikum, am »neuen« Zuschauer. Ich möchte 
das bestreiten,* wenn das Auditorium nicht in 
genügendem Maße zu einem Drama wie »Kain« 
vorbereitet war, wenn es die Anstrengungen 
und Feinheiten im Spiel der Künstler nicht immer 
richtig einzuschätzen wußte und es infolgedessen 
seinerseits an der nötigen Unterstützung fehlen 
ließ, so taten andrerseits auch einige der Künst 
ler nicht das ihre, um der Aufführung zum er 
wünschten Erfolg zu verhelfen. Oft aber ist ein 
Mißerfolg mehr wert als eine Reihe von Er 
folgen und wir hoffen fest, daß dieser Miß 
erfolg das Fundament bilden wird, auf dem das 
Theater der Zukunft sich erheben soll. Nicht 
ein Theater »trauriger Wahrheiten«, sondern ein 
Theater »erhebender Illusionen«. 
»Kain« ist ein Markstein in der Geschichte 
des Moskauer Künstler-Theaters und verbietet 
eine Rückkehr zur alten Methode Tschechows 
für alle Zeiten. 
Für die Mehrzahl des Publikums war die Tat 
sache, eine Operette über die Bühne des Mos* 
kauer Künstler-Theaters gehen zu sehen, wirk 
lich außerordentlich befremdend. Die 
inneren künstlerischen Motive, die diese Auf 
führung veranlaßt haben mochten, sind wohl in 
dem verborgenen Wunsch Wort, Bewegung 
und Musik zu einem Ganzen zu verschmelzen, 
zu suchen. Allein es liegt schon im Charakter 
der Operette, daß die Verschmelzung bloß eine 
rein mechanische sein kann. Vielleicht auch hatte 
das Heranziehen der Regisseure des Künstler* 
Theaters an die Große Oper den Wunsch in 
ihnen wachgerufen, auf eigener Bühne mit eigenen 
Mitteln einen Versuch zu wagen, sei es auch 
nur mit einer Operette,- oder aber man wollte 
dem dringenden Bedürfnis des im Alltagsleben 
genug geprüften Zuschauers nach heiteren und 
friedlichen Eindrücken entgegenkommen,- so griff 
man zur »Tochter derMme. Angöt«. Das Re 
sultat: ein äußerlicher Erfolg beim Publikum 
und bei der einzigen in Moskau erscheinenden 
Theaterzeitung, was aber den inneren Erfolg 
anbelangt.... Übrigens reicht nichts von dem bis* 
her in gleicher Art in Rußland Gebotenen an diese 
Aufführung heran,- die Mitwirkenden schufen 
Leistungen, an die man sich zu erinnern haben 
wird, undChoristen u. Statisten waren nicht Holz* 
puppen, sondern Menschen.aus Fleisch und Blut. 
Die Spielzeit 1920/21 begann das Künstler* 
Theater mit folgendem Repertoire: »Die Gast* 
hofswirtin«, »Die Tochter der Mme. Angöt«, 
»Das Heimchen am Herd«, »Was Ihr wollt«, 
»Balladine« und »Kain«. Hiermit wäre eigent* 
lieh alles erschöpft, was über das Leben und 
Treiben des Moskauer Künstler*Theaters wäh* 
rend der letzten zwei Jahre zu sagen ist. 
Es läßt sich schwer voraussehen wie das Mos* 
kauer Künstler *Theater sein Schiff lein durch 
die Wogen steuern wird, die die heutige Zeit 
so hoch aufbranden läßt. Wie es aber auch 
kommen mag, uns alle, die wir das Bild des un* 
vergeßlichen Meisters im Herzen tragen, beseelt 
der heiße Wunsch und Wille das Banner nicht 
sinken zu lassen, sondern es hoch zu halten und 
mutig der Zukunft entgegenzutragen. 
Ardiipenko, Frau mit Katze <Marmor>. 
Hg. Herbert v. Garvens
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.