Volltext: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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steht. George Bernard Shaw jedoch scheint 
trotz der lockendsten Angebote diverser Vor* 
trags* Impressarien vorläufig die Absicht zu 
hegen, dereinst zu sterben, ohne die Freiheits* 
statue und ein paar Wolkenkratzer gesehen zu 
haben. Warum auch nicht? Sein »Heartbreak 
H ouse«, kürzlich von Augusta de Wit in der 
N. R. C. rezensiert, erzielt am Broadway Abend 
für Abend ausverkaufte Häuser, und weshalb 
sollte er, da der Mammon ihm in Strömen zu* 
fließt, sich selbst zur Quelle bemühen? William 
Archer brachte uns ein Melodram, die »Green 
Goddeß« und nahm die Gelegenheit seines 
Besuches wahr, um das amerikanische Theater 
zu studieren. Er hat seine Eindrücke in einer 
Reihe von Artikeln niedergelegt, deren erster 
gestern Abend in der »Evening Post« erschienen 
ist. Darin nennt er unsere dramatische Tätigkeit 
staunenerregend, spricht von New*York als der 
»ersten Theaterstadt der Welt«, und rühmt das 
Publikum um seiner »loftineß of frontal deve* 
lopment« willen — eine launige Umschreibung 
von »highrowneß« —• Beweis: der Erfolg von 
Heartbreak House, der, wie er meint, weder in 
London noch sonst einer Stadt Europas errungen 
worden wäre. 
Die jugendliche Witwe Frau Clara Sheri* 
dan, eine Nichte Winston Churchills, traf hier 
ein, begleitet von ihrem 5 jährigen Söhnchen, der 
ein richtiger Abkömmling vom Autor der » Mede* 
dingers« und »Schandaalschool« ist. Frau Sheri* 
dan überarbeitet zur Zeit ihre Tagebuchblätter 
aus Sowjetrußland, wo sie unlängst die Bolsche* 
wistenführer modelliert hat. Zu gleicher Zeit hat 
hat sie eine Ausstellung ihrer Skulpturen eröff* 
net, und in demselben Saal, wo man früher die 
Werke Trubetzkoys bewundern konnte, schaut 
einen heute Nicolai Lenin — oder ist's Olea* 
noff? — an, umringt von Trotzki — Braunstein, 
Sinowjeff — Apfelbaum, einigen anderen Bol* 
schewistenköpfen und —' Winston Churchill. 
Sir Philip Gibbs hält Vorlesungen über 
allgemeine Politik, wobei er neulich durch seine 
Sympathiekundgebung für Sinn Fein Anstoß 
erregte, so daß die Polizei einschreiten mußte. 
Doch verlor Sir Philip keinen Augenblick die 
Fassung und Ruhe, die auch ein Merkmal seiner 
journalistischen Arbeiten sind und ihm während 
des Krieges hier so viele Freunde gewonnen 
haben. 
Von allen englischen Gästen ist aber Gilbert 
K. Chesterton — »G.K.C.«, wie er schlecht* 
weg genannt wird — bis jetzt wohl der Gefei* 
ertste. Er hält in einer Reihe von Städten Vor* 
lesungen, die sich durch die Kürze ihrer Dauer 
auszuzeichnen pflegen. Es heißt, daß eine junge 
Dame am Schluß eines Chesterton*Vortrags zu 
ihrem Begleiter gesagt haben soll: »Ich hoffte, 
Sie würden mich in einen Vortrag bringen, von 
dem ich nichts verstehe, statt dessen habe ich 
alles begriffen. Mir ist der ganze Abend ver* 
pfuscht!« 
Chesterton selbst hat mehr als einmal ge* 
äußert, er begreife nicht, daß soviel Leute seine 
Vorlesungen besuchten, und erst recht nicht, daß 
sie dafür Geld übrig hätten. 
Chestertons Erscheinung — ein Riese von 
einem Mann mit einer äußerst hellen Stimme — 
wirkt entschieden malerisch. Von seiner Stimme 
sagte er einmal, sie sei die originelle kleine Maus, 
vom Berg geboren. Ein Vergleich, dessen Ko* 
mik uns alle lachen machte. 
Es liegt uns fern zu glauben, daß Chesterton 
auf die Popularität von Wells oder Shaw nei* 
disch sei, wie es die Outline of History hier in 
Zehntausenden von Exemplaren veröffentlicht 
hat. Er hat sich nur zuweilen einen Scherz mit 
ihnen erlaubt. So will er z. B. von Wells 7 Drang 
nach einem Weltenstaat nichts wissen und gibt 
zu verstehen, daß in Wells 7 Buch zuviel Pseudo* 
Wissenschaft stecke. Er nennt Wells Ausdruck 
»prähistorischer Mann« eine contradictio in ter* 
minis und würzt auch dessen übrige prähisto® 
rische Berichte mit mehr als einem Körnchen 
Salz. »Ich habe nie begreifen können«, sagte er, 
»weshalb der primitive Mann die primitive Frau 
mit einer Keule zu behandeln pflegte. War sie 
ihm so zuwider? Und woher das unnatürliche 
Zartgefühl ihrerseits? Falls der primitive Mann 
so 7 n roher Kerl war, wozu braucht die primi* 
tive Frau sich darum alles von ihm gefallen zu 
lassen?« 
Über G.B.S. tat Chesterton folgenden Aus* 
spruch: »Bernard Shaw kommt mir vor wie jene
	        
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