Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Von tiefgehender Bedeutung für die Buchillustration 
des ganzen 19. Jahrhunderts ist die Erfindung der Litho« 
graphie in Deutschland, der in England die Entdeckung 
des tonigen Holzschnittes durch Bewick folgte. Für den 
Holzschnitt eröffneten sich so neue malerische Wirkungs 
möglichkeiten, die indes in der Folge besonders in Frank« 
reich, wo das neue Verfahren weiter ausgebildet wurde, 
zum überspannten, den Aufgaben des Holzschnittes ganz 
zuwiderlaufenden Wettbewerb mit dem Stahl« und Kupfer« 
stich führten. Mit der alten Holzschneidekunst hat dieses 
Verfahren nur mehr das Material gemeinsam, umsomehr, 
als die vollkommen mechanisierte Ausführung geschickten 
Handwerkern überlassen werden konnte, die die Zeich» 
nungen der Meister auf die Platte übertrugen. Mit dem 
Tode Menzels, des geistreichen Schilderers der frederizia« 
nischen Zeit, folgte in Deutschland aufs neue eine tiefe 
Periode des Niedergangs der Buchillustration. Die Füh« 
rung ging nun abermals vollständig an die westlichen 
Länder über, vor allem an Frankreich, wo Doree, Bertall, 
Johannot u. a. die romantischen Traditionen weiterent« 
wickelt hatten. 
Aber auch in Frankreich wurden seit der Mitte des Jahr« 
hundertsdie rein malerischen, auf die Darstellung der durch 
Licht und Luft aufgelösten Erscheinungsformen zielenden 
Tendenzen des Impressionismus der Illustration verhäng« 
nisvoll, da die Meister der neuen Richtung, zugleich die 
einzigen Träger wirklicher Kunst, mit wenig Ausnahmen, 
die sich auf die Lithographie beschränkten, der Buchillu 
stration wenig Interesse entgegenbrachten, was ihrer Gleich 
gültigkeit für den Gegenstand, sofern es sich nicht um die 
Erscheinungsform handelte, entsprach. 
Der tonige Holzschnitt, dessen impressionistische Mög 
lichkeiten in unerfreulicher und ganz mechanischer Art 
noch weit über Menzel hinaus gesteigert wurden, beherrscht, 
von höchst mittelmäßigen Händen ausgeübt, die Buchkunst 
in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. 
Das impressionistische Dogma durchbrachen in Deutsch 
land, wo man auf das gedanklich Inhaltliche nie ganz ver 
zichten wollte (Klinger), vor allem Slevogt und Corinth. 
Besonders Slevogt hat, beeinflußt durch das dem Impres 
sionismus naheliegende Rokoko unvergängliche Werke 
der Buchillustration geschaffen. 
Die Wiederentdeckung der Wesensform im Erpressio 
nismus, die neuen dekorativen und bildverfestigenden Be 
strebungen in der Malerei haben zu Beginn unseres Jahr 
hunderts den alten Holzschnitt wieder zu Ehren gebracht 
und damit auch das Interesse der Künstler für die Buch 
illustration aufs neue geweckt. Nun, da wenigstens die 
ideellen Bedingungen für ein neues Aufblühen der Buch 
kunst gegeben sind, macht sich der Mangel einer fort 
laufenden Tradition, der durch Jahrzehnte verschüttete 
Sinn für die einheitliche Wirkung des Buches verhängnis 
voll geltend. 
Vor allem ist im Rahmen des Buches der Illustration 
in organischer und inhaltlicher Beziehung ein allzu selbst 
ständiges Interesse zugewandt worden, so daß in vielen 
Fällen die Bildbeigaben als das Wesentliche betrachtet 
wurden, während man sich besonders bei Neuausgaben 
älterer Werke daran gewöhnte, den Text als anregende, 
mehr oder weniger notwendige Beigabe zu betrachten. 
Die signierten Graphiken waren die Hauptsache und ver 
bürgten den Wert des Buches. Auf die harmonische Ein 
heit von Schrift, Satzspiegel und Illustration wurde wenig 
geachtet . . . Aber auch der innere Zusammenhang von 
Bild und Text wurde lockerer oder zumindest für den 
naiven Leser minder offensichtlich, da sich der Illustrator 
nicht mehr darauf beschränkte, Vorgänge bildlich darzu 
stellen, oder die sichtbare Welt als Mittel zum Ausdrucke 
seelischer Stimmungen zu verwenden, sondern es in vielen 
Fällen versuchte, Emotionen, die sich ihm beim Lesen des 
Buches ergaben, durch mehr oder weniger sekundär-ab 
strakte und daher meist höchst subjektiv gefärbte Reali 
sationen Ausdruck zu verleihen. Erst in der neuesten 
Zeit scheint sich wieder eine Wendung zur gegenständ 
lichen Illustration, die mitgelesen werden kann, vorzu 
bereiten und dies im Zusammenhang mit Bestrebungen, 
die dahin gehen, das Buch als solches, als Einheit, der sich 
auch die Bildbeigaben unterordnen müssen, die gebührende 
Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Zu den erfreulichsten Erscheinungen der letzten Zeit 
gehört das wundervolle Stundenbuch von Frans Masereel. 
(Frans Masereel, Mein Stundenbuch. Kurt Wolff 
Verlag, München. 167 Holzschnitte bei Wolf 'S) Sohn, 
München, gedruckt in 700 Exemplaren, 1—50 auf kaiserl. 
Japan, vom Künstler signiert, 51—700 auf Deutsch-Bütten. 
Preis 770 Mk. und 165 Mk.) 
Wir kennen Masereel vor allem aus seiner Tätigkeit im 
Kreise der Genfer Pazifisten aus den politischen Holz 
schnitten in »La Feuille«, die kürzlich in einer Auswahl 
bei Erich Reiß, Berlin, erschienen sind (vgl. Ararat Nr. 1/II> 
Eine unendliche Güte und Liebe zur Kreatur, eine Sim 
plizität der Weltanschauung, aus der der Geist des Hei-, 
ligen von Assisi spricht, tritt uns in diesen einfachen und 
künstlerisch hervorragenden Holzschnitten des Stunden 
buchs entgegen, die uns mit unwiderstehlicher Kraft und 
unmittelbarer als es das geschriebene Wort vermöchte, 
zum seelischen Miterleben zwingen. Die kontinuierliche 
Darstellung dieser Konfessionen ist uralt und erinnert an 
die Ahnen des modernen Films, die Darstellungen auf 
den römischen Siegessäulen und den altchristlichen Rotulen. 
Die Ausstattung der Vorzugsausgabe ist einwandfrei, 
weniger gelungen ist der Einband der gewöhnlichen Aus 
gabe, bei der die Farbenzusammenstellung des Einbandes 
sehr unharmonisch wirkt. 
Jean Paul, Die wunderbare Gesellschaft in 
der Neujahrsnacht, mit 38 Lithographien von Paul 
Becker. Verlag von Richard Weißbach, Heidelberg 1920 
(Drucke des Argonautenkreises, I. Druck in 225 Exem 
plaren). 
Dieses Buch bildet ein gutes Beispiel für den Mangel 
an Einheitlichkeit in der Ausstattung, an dem so viele 
neue Bücher leiden. Die Lithographien von Becker, die
	        
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