Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Mein Vater war von Gesicht und Haltung ebenso gut wie schön, aber ich fürchtete ihn ein 
wenig. Ich habe soviel Majestät nur noch einmal bei einem Araberhäuptling zwischen Kefeldor 
undTouggourt angetroffen, der, an den Füßen braunrote Stiefel, ein rosiges, windschnelles Pferd 
meisterte. Mein Vater war in den Kleinen Antillen am 31. August 1831 geboren, als Sohn 
Jean-Baptiste Jammes, Dr. med., Ritter der Ehrenlegion, dessen vergilbte Briefe mich sein leiden 
schaftliches, mutiges, unternehmendes, halsstarriges, melancholisches und — von der Mutter her — 
zärtliches, verschwenderisches und bezauberndes Naturell kennen gelehrt haben. Alle beide waren 
französischer Abkunft. Es heißt, daß wir von jenem Jammes abstammen, den Sülly in seinen 
Memoiren erwähnt und der bei Ivry einer der treuesten Gefährten Heinrichs IV. war. 
Ein kleines Mädchen, Blanche mit Namen, war häufig in unserer Gesellschaft. Sie und ich 
spazierten miteF 
nander umher und 
belegten — so wie 
es die Kinder in 
Pascals »Pensees« 
tun, alles um uns 
her persönlich mit 
Beschlag: »Dieser 
Felsen gehört mir 
— nein mir!« 
Unsere gemein 
same Freundin war 
Annette.Sie wohnte 
in Bordes, einem 
Dorfe, das wie mir 
scheint, längs einer 
Landstraße, die 
links vom Bahnhofe 
abzweigte, lag. Sie 
war Waise und 
6 Jahre alt. Sie 
lebte mit ihrerTante 
bei ihrem Groß 
vater , der Notar 
war. Sie nahm mich 
die ich halb schloß um die Flammen strahlenden Sternen gleich zu machen, werden niemals an 
meinem inneren Himmel verlöschen. Ich glaube, wenn man mir um meines Glaubens willen den 
Kopf abschlüge, so würden jene kleinen Gestirne der Kirche, wo ich getauft wurde, hinter meinen 
Lidern zu leuchten nicht aufhören. 
Meine tiefste Sehnsucht war, mich dem strahlenden Tabernakel noch mehr zu nähern,- eine jener 
lebenden Mohnblumen im Getreide des Herren zu werden, die aus ihren Silberkelchen den Rauch 
des Weihrauches steigen lassen. Ich habe früher so viel darum gelitten, nicht Gottes Diener 
werden zu können, daß es nunmehr meine Freude ist, eines meiner Kinder, das jetzt ebenso alt 
ist wie damals ich, auf seinen kleinen Altar steigen und mit goldenem Meßgewand bekleidet, sich 
zurückwenden und mich segnen zu sehen. 
Mein Vater, der zum Einnehmer in Sauveterre-de- Gironde ernannt worden war, ging allein 
dorthin, denn dieser Posten behagte ihm keineswegs für uns, und er hoffte seine Versetzung 
L Seewald 
Reh (Gemälde) 
mit in ihren Garten 
und überwachte 
mich wie eine Mut 
ter, obwohl wir 
beide gleichaltrig 
waren. Es ist nach 
dem Frühstück. Ein 
Vogel sitzt auf ei 
nen Birnbaum. An 
nette, mit runden, 
rosigen Wangen 
wie ein Apfel, zeigt 
ihn mir mit dem 
Finger. 
Diese Spazier 
gänge und länd 
lichen Besuche ent= 
zückten mich. 
Glückseligkeit aber 
bedeuteten für mich 
meine Betstunden in 
der Kirche. Die 
ersten Kerzen, die 
ich brennen sah hin 
ter meinen Lidern,
	        

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