Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

schnell genug zu erhalten, um dem Trubel eines ungelegenen Umzugs aus dem Weg zu gehen. 
Br ließ also meine Schwester und mich mit meiner Mutter in Pau <bei den Großeltern), von wo 
wir kurze Besuche in Orthez machten, wo meine Großtanten Clemence und Celanire in dem alten 
Hause lebten, das bei ihrer Ankunft aus Guadeloupe als kleine Kinder meinen Vater und seinen 
Bruder Octave aufgenommen hatte. 
Bei meinen Großeltern schlief ich auf einem mit Kupfer beschlagenen Koffer aus Kampherholz, 
der so ungeheuer groß war wie ich niemals seinesgleichen sah. Er war aus Indien von Marcellin 
Beilot, dem Bruder meiner mütterlichen Urgroßmutter mitgebracht worden. Dieser hatte es nicht 
verstanden, aus den Wassern des Ganges das Gold zu gewinnen, das sich darinnen findet, noch 
aus den Adern des Himalya den Diamanten und den Smaragd. Als jener unglückliche Reisende 
heimkehrte, sah man ihn aus seinem Koffer, der geheimnisvoll war wie das trojanische Pferd, 
nichts als Kaschmirtücher hervorziehen, mit denen er seine Katarrhe pflegte, und ein Paar Seiden- 
Strümpfe, die niemals ihre Geschichte erzählt haben. Ich schlief also in Pau auf diesem ungewöhn- 
liehen Andenken ein, in einem Zimmer, dessen Tapete mich rasend machte, weil ihre blauen 
Streifen, zu verschobenen Vierecken geordnet, sich zu spalten schienen, sobald man sie aus einem 
bestimmten Winkel ansah. In der Schublade eines Putztisches, die nach Seife roch, lagen zwei 
lange Kristalltränen umher, die die Ohren meiner Tante mütterlicherseits schmückten, als sie, stolz 
auf der place royale einherschreitend, durch ihre große Schönheit das Herz des wilden Mexikaners 
besiegte, der mein Onkel wurde. 
Während jener Zeit, als wir darauf warteten, daß mein Vater uns zu sich hole, sobald er 
einen festeren Posten hatte als der, den er jetzt bekleidete, ließ man mich in Pau die Anfangs 
studien fortsetzen, die ich in Tournay begonnen hatte. Ich besuchte die Schule der Fräulein 
Letourneau, dreier alter Mädchen, von denen der Ruf ging, sie hätten den Marschall Bosquet 
lesen gelehrt. Die rue des Arts, die man jetzt verunstaltet hat, war eine jener stillen, kleinen, 
alten Straßen, die ihre schotenförmigen Schieferhauben in der Sonne backen lassen. Sie zeigte 
den Passanten einige Bilder von Epinal, die sie mit den Brillengläsern ihrer Häuserfronten zu 
lesen schien. Aber das Verwunderlichste, was sie meinen Augen bot, das waren, gegenüber der 
Schule Letourneau, die Kleinodien eines Althändlerladens. Und von diesen Kleinodien erschien 
mir als das Prunkstück der Straße, das sie wie ein Wehrgehänge trug, und machte mir das Herz 
in einem namenlosen Wunsche klopfen, dem kein Smaragd in Tausend und Eine Nacht gleich 
kommen konnte — eine arme kleine Botanisierbüchse. Man hatte mir ihre Verwendung erklärt 
und erzählt, daß darin die Insekten und Blumen Gottes, die in der Kühle des Waldes und auf 
den von Sonne rieselnden Wiesen leben, gesammelt werden. Es gab also begnadete Menschen, 
die solch einen Gegenstand ihr Eigen nannten, die auf das Land gingen, um Hirschkäfer und 
Vergißmeinnicht zu sammeln! Ach ich hätte gewünscht, daß ein Schrei meine Brust sprengen und 
meinen unsinnigen Wunsch, diese Wunderröhre zu besitzen, enthüllen möchte. Aber vergebens 
rief sie durch Monate mit der ganzen Kraft ihrer Waldesfarbe nach mir. Ich befolgte ihren Ruf 
niemals. Meine Eltern, die nicht reich waren, gewöhnten mich früh daran, meine Wünsche im 
Zaum zu halten. Und es gibt ja auch Schönheiten in dieser Welt, die nur eines Prinzen 
würdig sind! 
Mein Schutzengel wollte zweifellos das grüne Fieber stillen, das mir die Büchse von Dillenius 
einflößte, und gab es meiner Familie ein, für meine Schwester und mich zwei leichte Schmetterlings 
netze herzustellen, deren Gaze ein Lufthauch schien, der über das Wasser strich. 
Man holte mich eines Nachmittages von der Schule Letourneau ab. Es ging auf die Suche nach 
geflügelten Blumen. Wir kamen in die Alleen von Morläas. Die Majestät des stillen Laubes 
durchzitterte mich mit etwas unnennbar Ewigem. Wo ist nun das heißersehnte Insekt? Wird es 
nicht dem Rufe meiner Sehnsucht Antwort geben, die es mit brennenderer Glut herbeiwünscht, 
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