Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

als die des Himmels ist, dessen Röte den Ausschnitt der Ulmen umschließt? Kein Schmetterling 
war zu sehen und mein Netz welkte dahin. 
Eine meiner liebsten Erinnerungen aus jener Zeit ist ein Besuch bei Schwester Marcelline in 
ihrem Kloster. Meine Familie kannte sie seit langem, denn sie hatte sowohl meiner Mutter als 
meiner Tante, die aus der Provence nach Mauleon gekommen waren, ausgezeichneten Unterricht 
erteilt. Die Frische eines Baches, der unter Minze dahinfließt, strömte von ihr aus,' ein Hauch 
jener Gnade, die die Härtesten gläubig macht. Und hätte ich keine tieferen Beweise meines 
Glaubens, so würde der Gedanke an jene rechtscbaffene Frau und an einige andere ihresgleichen 
genügen, mich von der Wahrheit der Kirche zu überzeugen. Manchmal beim Abendmahl ruft 
meine Seele die Schar der Jungfrauen des Herren, und sie stehen mir bei. Meine Schwester 
Marcelline nün genoß im Orden Bernadette Soubirous den Ruf besonderer Heiligkeit. Als es ih 
ihrem Kloster an Nahrung zu mangeln begann, geschahen Wunder, die weniger selten sind, als 
laue Gläubige annehmen. 
Sie empfand herzliche Freundschaft für meine Großmutter Eleonore, die dessen wohl würdig 
war, denn auch sie war eine Braut Christi, wenn auch inmitten ihrer eignen Familie. Arme Groß 
mutter! Sie war ein Teil des schattigen Dunkels und zuerst unterschied man sie kaum, wenn sie 
in ihrem Zimmer vor dem Kruzifix aus vergilbtem Elfenbein betete. Aber der Schimmer ihrer 
weißen Haare hob sie nach und nach wie ein Heiligenschein aus dem Schatten. Ein Hauch von 
Weihe war um sie, wenn sie, stets schwarzgekleidet, nach der dunklen Traube ihres Rosenkranzes 
griff, um himmlischen Wein daraus zu keltern, der ihr Herz erhob. 
Von meiner frühesten Jugend an war sie bestrebt mir Freude zu bereiten —■ ahnte sie wohl 
aber, daß die Zerstreuungen, die sie mir bot und die Kinder sonst lieben, mich mit Mitleid für die 
Menschen erfüllten, die sie erfunden hatten? Ein Baum der sich zum Wasser neigt, eine Grille, 
Aus Defoe Robinson. Meisterwerk von Seewald. Goltzverlag, München 
160
	        
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