Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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dies hat mich Gott sei Dank dafürniemals enttäuscht. Aber all die Gaukler mit ihren 
Heldentaten 
• Von der Reise, die meine Mutter, meine Schwester und ich von Pau nach St. Palais unternahmen, 
wohin mein Vater versetzt worden war, habe ich nur noch die Erinnerung an einen übergetretenen 
Fluß bewahrt, auf dem eine Fähre lief, wie man sie nur noch auf alten Rebusgravüren findet. Man 
verlud darauf zur Überfahrt Wagen und Pferde, Menschen und Gepäck. Dann reisten wir bis zum 
Ziel unserer Reise wieder zu Lande. 
Kaum waren wir vom Trittbrett des Postwagens heruntergeklettert, als ein sehr höflicher Herr 
auf uns zutrat und sich vorstellte: »Madame, ich bin M. de Lastours, der Hypothekenaufseher. Ihr 
Gatte kommt sofort. Er ist nur zwei Schritte von hier. Ich habe soeben ein Heilbad genommen.« 
Man glaubte sich in ein Lehrbuch versetzt. Und nachdem er dies alles vorgebracht hatte, wischte 
M, de Lastours sich voll Stolz die Feuchtigkeit aus seinen wenigen Haaren, deren Mangel durch 
einen ziemlich dichten Bart und einen üppigen Schnurrbart wieder wettgemacht wurde, dessen Enden 
ein cedille unter einer bourbonischen, aus einer unförmigen Stirn hervorspringenden Nase formten. 
Diese Stirn aber war nichts anderes als ein Jahrbuch von Registern und Domänen. 
Um 1876 war St. Palais eine angenehme, kleine, von der Eisenbahn noch nicht verdorbene Stadt, 
bewässert von der Bidouze und der Joyeuse. Die Bidouze, graugrün und träge, deren Binsen* 
gestrüpp bei Anbruch der Dämmerung das Quaken und Konzertieren der Frösche begünstigt 
gleicht in nichts mehr dem Strom, der an seiner Quelle in einem schwarzen Kessel donnert und 
schäumt. Sie umspült eine ganze Reihe Häuser von der Rückseite, deren eines wir bewohnten. 
'■ Stromabwärts von unserem Hause verschönte ein Mühldamm die Landschaft. Und rechts von 
diesem Mühldamm, gegen eines der Felder hin, die das andere Ufer bildeten, gab es einen großen, 
hohen Felsen, von dem eine Horde junger Basken sich kühn in einen Strudel stürzte, den sie, so 
glaubeich, den »romoreno« nannten. Ich sehe noch heute jedes Kind, glänzend gleich einem Weiß* 
fisch, Anlauf nehmen, wie von einem Sprungbrett springen und wieder auftauchen, die Beine ge* 
kreuzt, die Füße in die Tiefe gerichtet. 
Nach unserer Ankunft in St. Palais wurde meine Schwester als Externe bei den dames de Lorette 
und ich in der Schule des Abbe Duc untergebracht. 
Damals begann ich die Geistesbeschaffenheit der Mehrzahl der Lehrer kennen, aber nicht schätzen 
zu lernen. Jetzt noch, nach mehr als vierzig Jahren, richtet sich die gleiche Mauer zwischen uns 
auf, denn wenn auch einige der Professoren durch ihr liebenswürdiges Wissen und die Sympathie, 
die sie mir schenken, mein Herz besiegt haben, so hat sich doch im allgemeinen mein Mißtrauen 
keineswegs zerstreut. Jene Lust am Prellen eines neuen Schülers, die eine ihrer Manien ist, dieser 
Wunsch, die armen Kleinen, die häusliche Milde gewöhnt sind, zu demütigen, sie zum Weinen 
zu bringen, die schlechte Laune, die sich durch irgend einen ehelichen oder anderen Streit angehäuft 
hat, an ihnen auszulassen, hat mich immer empört. Diese Borniertheit, die nur wiederum die eigene 
versteht,- dieser Mathematiker, der hohnlächelt und euch bestraft, weil ihr die lateinische Über* 
Setzung dem Sprenkel vorzieht, den er mit einem Kreidestift auf eine schwarze Tafel wirft. Dieser 
fünfzigjährige Studierte, der laut lacht, weil ihr ihm antwortet, Virgil sei der Verfasser der 
»Metamorphoses«,- dieser Geograph, der in Erstaunen gerät, weil ihr kein Interesse bezeigt, 
winzige Kreise zu betrachten, die längs einer sich schlängelnden Linie eingezeichnet sind,- der 
Geschichtslehrer, der beansprucht, euch für die Klauseln des Vertrages der Pyrenäen zu be 
geistern, — all das und all diese Leute sind keinen Heller wert angesichts einer Amsel, die in der 
Hecke flötet. 
1876 hatte mich mein Vater aus der von M. l'abbe Duc geleiteten Schule herausgenommen, 
und ich wurde in die Elementarschule des M. Sabre geschickt. Und hier in dieser Schule geschieht 
mir die Weihe zum Dichter, auf jener Bank, links, gegenüber der Eingangstür. Ein Buch liegt
	        
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