Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Sympathie ging für die armen Kreaturen manchesmal schlecht aus, denn mein glühender Wunsch, 
sie um jeden Preis in den Händen zu halten, ließ mich öfter die unschuldige Falle mit dem Eisen, 
dem Bogen und selbst dem Gewehr vertauschen. Ich habe auch jetzt noch die Vorliebe für 
Waffen und Jagd bewahrt und trage den Widerspruch in mir, die Tiere zu lieben und dennoch 
einem wilden Instinkt, in Wald und Feld nach ihnen zu schießen, nicht widerstehen zu können. 
Vielleicht kommt zur Freude an meiner Geschiddichkeit noch die tolle Leidenschaft Wild zu essen, 
Wild, das mir neben Muscheltieren herrlicher als Ambrosia scheint. Mein Gelüsten darnach kam 
zum Teil auf die Kosten, als die Ringeltauben im Herbst die Himmel der Wälder bevölkerten. 
Einige Freunde meines Vaters ließen uns daran Teil haben, unter anderen der Notar Brunus. 
Auch gaben wir uns zu jener Zeit in einem nicht weit von der Landstraße gelegenen Eichenwald, 
eifrig der Suche nach Eßpilzen und Blätterschwämmen hin. Wir gingen auf die Pilzsuche in 
Gesellschaft des Fräulein Ferrand, der Tochter eines alten Arztes, dem mein Großvater einmal 
auf einem Ausfluge unversehens die Perücke vom Kopfe gerissen hatte, als er seinen Sonnen- 
schirm öffnete. 
So spiegeln sich in mir die Offenbarungen des Herbstes als eine Reihe von Bildern, die die 
Anmut des Todesfrühlings haben. 
(Bruchstüdce aus der Veröffentlichung in »Le correspondent«, übertragen von Hilde Supan.) 
FRANKREICH 
Die jüngste französische Musik 
ä Florent Fels 
Aus dem Chaos der sklavischen Debussy- 
Nachfolge beginnen sich langsam und dann hef 
tiger einige starke und neuerungsfähige Persön 
lichkeiten zu lösen, deren Ziel dem der Jüngsten 
und Fortgeschrittensten in Deutschland konform 
scheint. Man verschmäht die billige und äußere 
liehe Stimmungsmache und setzt an Stelle auf 
lösender destruktiver Tendenzen ein Streben zu 
klarer oft primitiver Ausdrücklichkeit und straffer 
Zeichnung. Das Umgehen des Gesetzlichen 
hört auf beherrschend zu sein. Neue innere 
Disziplin beginnt. Man findet Möglichkeiten 
einer neuen schemafernen Formalität, die oft in 
verblüffenderWeise an die herbe Architektonik 
der vorklassischen Musik <Jannequin, Schütz, 
Buxtehude) mahnt. 
Der Führer dieser musikalischen Avantgarde, 
Erik Satie, kam von der Programmusik. Sein 
Stil ist von vornherein merkwürdig einfach. 
Satie verzichtet durchaus aufs Maschinelle. Jeder 
Einfall wahrt äußerlich die asketischste Öko- 
nomie. Der Schwerpunkt liegt im Melodischen. 
Virtuoses fällt weg. In erster Linie schrieb 
Satie Klaviermusik. (Descriptions automatiques, 
Veritables preludes flasques, Chapitres tournes 
en tous sens), außerdem ein symphonisches 
Drama »Socrate«. In den frühen Klavierstücken 
gibt es seltsame Dinge. Man schildert das allzu 
heftige Reden einer Ehefrau, die ihren Gatten 
in den Tod schwatzt. Die Muskelspannung 
eines Mannes, der schwere Steine schleppt und 
endlich fallen läßt. Den Schmerz von Gefan 
genen. Und so weiter. Man notiert ohne Takt 
striche meist nur eine Stimme auf einem System. 
Die Versetzungszeichen <wie gelegentlich bei 
Busoni und Schnabel) nur für die folgende Note. 
Das tonale Element tritt ganz zurück. Der 
Primitivismus dieses Stils wirkt zunächst unbe 
holfen und schwach. Man muß diese Musik, 
die selbst Schönbergianern unverständlich sein 
wird, ganz anders hören als gewöhnliche. Die 
Linie an sich, das bewegte Melos als musika 
lische Urkraft ist hier am Werk. Alle formalen, 
harmonischen, kontrapunktischenBedenken treten 
in den Hintergrund. (Immerhin ist dieser Stil 
kontrapunktischem Empfinden sehr nahe. Ver 
gleichen Sie »celle qui parle trop«!> Eins der 
schönsten Stücke ist »l'enfance de Pantagruel« 
aus den »Trois petites pieces montees«. (Vier 
händig.) Die Harmonisierung ist denkbar pri 
mitiv, streckenweis nur reine Dreiklänge. Lange 
Quintketten verstärken den archaischen Aus 
druck. Ein elementares rhythmisches Baßmotiv 
gibt dem Stück ein unerhört mystisches, bei aller
	        

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