Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Schnarrenberger ist dadurch die Möglichkeit einer breiteren Wirkung gegeben. Es bleibt jedoch 
abzuwarten, wie weit eine Verschmelzung dieser positiven Kräfte mit dem alten Lehrkörper und 
den alten Lehrprinzipien möglich ist: vorerst muß man zufrieden sein, solche Kräfte wenigstens in 
Karlsruhe zu wissen,- ihre Wirkung auf das im großen und ganzen traurige Schülermaterial, das 
zum großen Teil nicht aus innerer Berufung zur Kunst eilt, scheint jetzt schon zu erfreulichen 
Resultaten zu führen. 
Die Leitung der Kunsthalle hat der in den Bezirken der alten und neuen Kunst gleich bewan 
derte und gleich aktive Dr. Storck übernommen. Als erste Tat hat er die wertvolle Abteilung 
altdeutscher Meister, die bisher in abgelegenen Räumen ein kümmerliches Dasein fristen mußten, 
neu aufgebaut und zum erstenmal ins rechte Licht gerückt, um ihre lebendigen Kräfte für die Gegen 
wart fruchtbar zu 
machen. EineSamm- 
lung von internatio 
naler Bedeutung ist 
damit geschaffen,- die 
alten Meister aus 
dem Kreis des Lukas 
Moser, die schwäbi 
schen Handwerker, 
die voll wahrer Kunst 
sind, Cranach, Bai 
dung, Grünewald —- 
erst jetzt leben sie 
auf, und man erkennt 
in diesen vorbildli= 
dien, von allem Pein 
lichen einer Galerie 
freien Sälen die Mög 
lichkeiten musealer 
Wirksamkeit, die 
ihrerseits befruchtend 
in das Leben der jun 
gen Kunst eingreift. 
Die junge Kunst 
Kurt Schwitters 
»Die Trauernde« 
selbst wird von die 
sem an internationa 
len Beziehungen rei 
chen Galeriedirektor, 
in dem man übrigens 
die Seele der aktiven 
neuen Kunstbestre 
bungen vermuten 
möchte, tatkräftig ge 
fördert. Dies er 
kannte man vor kur 
zem in der Organi 
sation einer Aus 
stellung von junger 
badischer Kunst, die 
Dr. Storck gemein 
sam mit den Malern 
Haueisen und Göbel 
im Auftrag des The 
aterkulturverbandes 
veranstaltet hatte. 
Die Qualität der vor 
bildlich aufgebauten 
Ausstellung, in der 
Babberger, Hofer, Feininger, Zabotin, Schlichter vertreten waren, stand selbst absolut gemessen 
auf einem überraschend hohen Niveau, das alles seit Jahren Geleistete weit überragte —- das 
Entsetzen der Spießbürger, an deren Spitze die verhärteten Epigonen Themas und Trübners 
marschieren, war groß. Wie Nagetiere suchen sie mit öffentlichen und geheimen Hetzereien und 
lügenhaften Märchen, die die rührende Unkenntnis des Karlsruher Publikums ausnützen, dem 
neuen Geist beizukommen und wie üblich stützen sie sich auf den Ordnungssinn der Bürger und 
auf das »Gut Deutsche«, das der neuen Kunst fehle, dessen sie selbst aber voll seien. Sie, die 
unverdrossen Oberflächlichen frohlocken über die gegenwärtige Krise der Kunst, die der Reaktion 
Oberwasser gibt, und mit lächerlicher Symbolik haben sie den entthronten Großherzog, der für 
die Kunst wahrlich gar nichts getan hatte, zum Ehrenmitglied ihres Künstlervereins gemacht! 
All diese aktiven und passiven Obstruktionen tragen die typischen Merkmale der letzten Zuk- 
kungen absterbenden Lebens, dessen produktive Kräfte schon erloschen sind,- man darf sie im 
Grund fröhlich und fast wohlwollend betrachten, denn sachliche Arbeit im Sinn des neuen Geistes
	        

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