Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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auf den Saaltischen aufliegen, sollen über den 
Stand der Malerei Schottlands aufklärend und 
werbend Bericht geben. Hierunter findet man 
auch den dickleibigen Band von William D. Mc. 
Kay »The Scottisch School of Painting« <1906). 
Der sauber gedruckte Katalog umfaßt 98 Num- 
mern: Ölgemälde, Aquarelle, Handzeichnungen. 
Die Ausstellung wurde durch den Haager Bür 
germeister in Gegenwart des englischen und 
französischen Gesandten sowie des holländischen 
Außenministers feierlich eröffnet und bedeutet, 
wie man schon aus dieser offiziellen Herrichtung 
ersieht, eine Repräsentationsangelegenheit. Sie 
brauchte deswegen noch nicht belanglos zu sein. 
In Wahrheit aber ist sie es. Die holländische 
Presse ist ehrlich genug, es bei höflichen Be 
grüßungsworten bewenden zu lassen, Bezieh 
ungen zur Haager Schule festzustellen und im 
übrigen die Sache in Ruhe zu lassen. Das 
könnten auch wir Deutsche tun, wenn es uns 
inmitten unserer Abgeschlossenheit nicht an und 
für sich wichtig wäre, zu hören, wie es draußen 
aussieht. Würde diese schottische »Moderne« 
nun nach Deutschland kommen, so würde sich 
das gleiche ereignen, als wenn Gemälde unserer 
Heutigen auf der grünen Insel zur Ausstellung 
kämen: ein beiderseitiges Entsetzen! Und dies 
stimmt niederdrückend, denn, welche moralischen 
und öffentlichen Denkverschiedenheiten müssen 
hüben und drüben herrschen, wenn schon die 
Künste beider Länder mit der ganzen Starre 
und Unversöhnlichkeit von Alt und Neu sich 
gegenüberstehen. Wird Annäherung und wohL 
tätigeWesensbeeinflussung herüber und hinüber 
je möglich, je wirklich werden? 
F.M.H. 
BOCHER 
Picasso und Kandinsky 
Zwei Monographien liegen vor, gewidmet jenen 
zwei Persönlichkeiten, die als die kühnsten Konqui- 
stadores einer auf Eroberung metaphysischer Ge 
biete ausgehenden Kunstepoche gelten dürfen: Pi 
casso und Kandinsky. 
Seitdem Guilleaume Apollinaire tot ist, kommen 
nur zwei französische Kunstschriftsteller für ein Buch 
über Picasso in Betracht: Andre Salmon und Maurice 
Raynald. Aber ich glaube nicht, daß Salmon so lo 
gisch und klar über den Künstler geschrieben hätte, 
wie es Raynald getan hat, dessen Picassomono 
graphie, vorzüglich in die deutsche Sprache über 
tragen, als stattlicher, über 100 Reproduktionen ent 
haltender Band kürzlich vom Delphin-Verlag, 
München, herausgegeben wurde. 
Versuchen wir mit Hilfe der Angaben Raynalds 
den Lebenslauf und die Entwicklung Picassos zu 
verfolgen: Der 1881 in Malaga als Sohn eines Zeichen 
lehrers Geborene kam mit 6 Jahren nach Barcelona. 
In der Zucht humanistischer Erziehung wuchs er auf. 
Dokumente seiner erstaunlichen künstlerischen Früh 
reife finden sich heute noch im Besitze der Eltern und 
verschiedener Sammler. Die Begeisterung des Knaben 
galt Greco. Seit seinem 15. Lebensjahr dehnte er 
sein Studium auf die anderen spanischen, dann auf 
die französischen und flämischen Meister aus. »Schon 
träumt er von einer schmerzhaften und resignierten 
Menschheit, und seine christlidie und historisch ge 
richtete Erziehung tragen nicht wenig dazu bei, daß 
er sie unter verschiedenen idealisierenden Gesichts 
punkten des Schmerzes, der Armut und der Ein 
fachheit darstellt.« In der Barceloner Taverne »Zu 
den 4 Katzen« trifft er sich allabendlich mit Künstlern 
seines Alters und seiner Gesinnung, von denen einige 
heute »zu den besten in Katalonien zählen«. In diese 
Zeit fallen wiederholte Reisen nach Paris und ein 
sieben- oder achtmonatlicher Aufenthalt in Madrid, 
wo er sich an die Spitze der jungen Künstlerschaft 
stellt und die Zeitschrift »Renascimento«, die viele 
seiner Zeichnungen veröffentlicht, leitet. Der Einfluß 
Toulouse — Lautrecs tritt jetzt deutlich zutage. Aus 
den verschiedenen, hauptsächlich französischen Ein 
flüssen, denen er nach und nach unterlag, »folgte eine 
unvermeidliche Verwirrung in seinen Bestrebungen. 
Er begriff . . . ., »daß ihm die französischen Meister, 
die ihn besonders anzogen, gleichzeitig zu nahe und 
zu ferne stünden/ in diesem Augenblick entschied er 
sich, seinen Aufenthalt in Paris zu nehmen . . . .« 
Hier schloß er sich einer kleinen Gruppe von Künst 
lern und Schriftstellern an, zu der Guilleaume Apolli 
naire, Manolo, Max Jacob, Jean Mollet, Maurice 
Crennotz, Andre Salmon, Adolphe Basler, Galanio 
und Maurice Raynald gehörten. Besonders innige 
Freundschaft verband Picasso bald mit G. Apollinaire, 
der damals seine erste Zeitschrift »Le Festin d'Esope«
	        
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