Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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herausgab und audi den ersten Artikel über Picasso 
schrieb, den er als »geistig mehr Lateiner, rhythmisch 
mehr Araber« charakterisierte. Bei den Kunsthändlern 
herrschte nur geringes Interesse für Picasso — aus* 
genommen hei Vollard, Clavis, Sagott und Fräulein 
Weill. »Picasso verschenkte mehr Werke, als er ver* 
kaufte.« Der Schauplatz der Ereignisse dieser Zeit 
bis zur Gehurt des Kubismus war das aus Holz kon* 
struierte fünf Stockwerk hohe, dem Hängen der Butte 
Montmartre angepaßte Atelier auf dem Ravignan* 
platz. »Hier malte Picasso mitten unter seinen un* 
entbehrlichen und sehr viel Raum einnehmendenWerk* 
zeugen, inmitten der vertrauten Versammlung der 
Negerstatuen, treulich bewacht von jener Hündin 
Frika, die ich ihm geschenkt hatte, in seinen blauen 
Unaussprechlichen, stets adrett, als käme er aus der 
Reinigungsanstalt, malte, die Pfeife zwischen den 
Zähnen, mit aufmerksamer Ängstlichkeit.« 
Eine eigentliche Geschichte der Genesis des Ku* 
bismus sowie eine scharfe Abgrenzung des Anteils 
der verschiedenen Künstler an der Ausbildung der 
neuen Formensprache, vermissen wir bei Raynald. 
Diese Lüchen füllt Daniel Henrys »Weg zum 
Kubismus« ebenfalls im Delphin-Verlag 
München erschienen) aus. Wirerfahren aus diesem 
Buche, daß der Ausdruck »Kubismus« wie so viele 
andere Stilbezeichnungen als Schimpfwort geprägt 
wurde und zwar von dem Kunstkritiker des »Gil 
Blas«, dem Louis Vauxcelles, dem auch die Bezeich* 
nung »fauves« zugeschrieben wird. Diesem Louis 
Vauxcelles »begegnete im September 1908 Matisse, 
der in diesem Jahre Mitglied der Jury des Salon d'au* 
tomne war, und erzählte ihm, Braque habe zum 
Herbstsalon Gemälde »avec des petits cubes« ge* 
sandt. Zur Beschreibung zeichnete er auf ein Stüde 
Papier zwei aufsteigende, oben sich berührende Linien 
und zwischen diesen einige Würfel«. In einem Auf* 
satz Vauxcelles über den Salon der Unabhängigen 
1909 findet sich dann der Ausdruck Kubismus zum 
erstenmal auf zwei Bilder von Braque angewandt. 
Die früheste Schwenkung zum Kubismus fällt un* 
gefähr in das Jahr 1907: Braque und Picasso voll* 
führten sie fast gleichzeitig, ohne daß einer vom an* 
deren wußte. Auch Derain geht ein Stüde Weges 
in der gleichen Richtung <bis zu dem Punkte, da Braque 
und Picasso die Objektdarstellung aufgeben). Noch 
1906 sehen wir Braque mit Derain, Matisse und an* 
deren fauves dabei, den Impressionismus in einem 
farbig dekorativen Sinne weiterentwickeln. Picasso 
freilich hat sich auch in seiner vorkubistischen Zeit 
nie mit dem Problem der Farbe abgegeben, weder in 
der Epoche des Saltimbanques, noch in der blauen, 
noch in der rosa Epoche. Während die fauves den 
impressionistischen Kolorismus übersteigern, unter* 
wirft sich Picasso einer streng monochromen Askese. 
Nie hört er auf ein Fanatiker des Konturs zu sein, 
nie entzieht er sich dem Zwang einer streng durch 
geführten Komposition. Es ereignet sich, wofür das 
Gemälde »Die Kugel« <1905) ein gutes Beispiel ab 
gibt, daß ihm sein bildarchitektonisches Streben in 
die Nähe Marees führt. Bei einer Gestalt wie der 
des »Blinden« <1903) werden wir zum Vergleich mit 
griechisch*archaischer oder ägyptischer Kunst aufge* 
fordert. Den Stil des Ölbildes »Die Suppe« könnte 
man am besten als einen zur Primitive neigenden 
Klassizismus umschreiben. Endlich möchte ich noch 
auf »Die Familie Soler« <1903), als dem deutlichsten 
Beispiel eines durchkomponierten Gemäldes, ver 
weisen. Die Figuren lassen sich in eine Ellipse ein* 
schreiben, deren Längsachse ungefähr mit der Dia 
gonale des Bildviereckes zusammenfällt. Die Größe 
der Figuren wechselt derart, daß ein jambischer Rhyth 
mus mit drei Senkungen und drei Hebungen entsteht. 
Das Stilleben im Vordergrund, in Draufsicht dar 
gestellt, zeigt Picasso unter Cezannes Einfluß. Die 
Gestalten der Eltern und Kinder sind mit den Augen 
des Zöllners gesehen. 
Die formale Disziplin, die Picassos Schaffen schon 
immer merkwürdig von der Kunst seiner Zeitgenossen 
unterscheidet, verstärkt sich noch weiterhin bis 1906. 
Um diese Zeit treten Deformationen auf, wie sie sich 
die fauves mit Vorliebe zu Schulden kommen ließen. 
Im Winter 1908 finden sich Picasso und Braque 
zu gemeinsamer Arbeit zusammen. Im folgenden 
Jahre schreitet der Ausbau der neuen Formensprache 
fort. Als Gegenstände werden dabei Fruchtschalen, 
Flaschen, Gläser und die von Braque eingeführten 
Musikinstrumente bevorzugt. Alle von Picasso oft 
wiederholten Versuche, die Farbe als gleichberechtigt 
in das Bild einzuordnen, scheitern. Während Braque 
1910 den »realen«, d. h. naturvortäuschend gemalten 
Gegenstand <z. B. Nagel mit Schatten) und die Buch 
staben in das Bild aufnimmt, »durchbricht Picasso 
die geschlosseneForm«, d. h. er vollzieht die radikale 
Scheidung zwischen Naturform und Kunstform. Da 
mit erst kommt der Werdeprozeß der neuen Methode 
zum Abschluß. Die Neuerung der Jahre 1913 und 
1914: die Verquickung von Malerei und Skulptur 
ist ebenfalls eine gemeinsame Tat von Braque und 
Picasso <aus der sich die Skulpturmalerei bei Lip* 
schitz Laurens und Archipenko entwickelt). Es wäre 
noch der Aufnahme von Papier, Holzstücken und
	        
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