Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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jungen Holländern, die wir vor kurzem in denselben 
Räumen sahen, mehr eigenes Gepräge, mehr Mut zur 
Selbständigkeit, sind aber keineswegs vom Epigonentum 
freizusprechen. Das Schwanken zwischen gewundenem 
Stil und formstrenger Primitivität, die Kultur der reinen 
Farbe, die Auflösung der Wirklichkeit in geometrische 
Formen, das Schwelgen in Abstraktionen, das Zurück- 
fallenindie sonst peinlich vermiedene Konvention: es fehlt 
nichts, was sich im bunten Teppich der modernen Kunst 
kreuzt und verknüpft. 
Als Führer der Gruppe gilt Carlo Carrä, ein starker 
Kolorist, der sich aus dem Futurismus herausgewunden 
hat, aber das Primitive allzu absichtlich betont. Er ist fast 
hilflos in seiner Einseitigkeit und grotesken Verbissenheit, 
die er hoffentlich einmal überwindet, um mit den ihm ge 
gebenen Mitteln etwas ganz anderes zu erreichen. Gei 
stiger gibt sich de Chirico, der langsam von der grotesken 
Gliederpuppe in menschliche Atmosphären zurückgefunden 
hat. Ein seltsamer Übergang. Chirico, durchaus fähig, 
den Raum farbig zu gestalten, hätte sich die geometrischen 
Mätzchen, die er sehr ernsthaft »metaphysisch« nennt, 
sparen können,- denn notwendig waren sie für seine Ent 
wicklung kaum. Er weiß auch ohne gezirkelte Gewalt 
samkeit zu fesseln/ seine letzten Bildnisse, die leise an 
Meister der Frührenaissance erinnern, sind von einer 
ruhigen abgeklärten Bestimmtheit. Sie reichen in der Farbe 
allerdings nicht an die Bilder der »metaphysischen« Periode 
heran. Giorgio Morandi ist vielleicht einer der inter 
essantesten Köpfe der Gruppe,- seine auf bestimmte Töne 
<grau, rosa) eingestellten Landschaften erscheinen, trotz 
dieser Abstraktion, impressionistisch. Aber bei einfachsten 
Gegenständen, Zylindern, Kegeln und anderen geome 
trischen Figuren, bringt es Morandi zu klangvollen Farben 
symphonien,- von seinen Stilleben, die ähnlich geschaffen 
sind, geht ein geheimnisvoller Reiz aus,- denn Farbe und 
Form sind hier mit der Delikatesse des wissenden, nicht 
einseitig begabten Schönheitssuchers behandelt. Aus der 
Stadt des heiligen Franziskus stammt der ganz autodi 
daktisch gebildete Ricardo Francalancia. Er ist noch 
gegenstandstreu, versenkt sich mit Inbrunst in die um- 
brische Landschaft, erschaut sein göttliches Assisi wie das 
Paradies. Eine eigenartige Begabung, die glücklicherweise 
auf keine Richtung eingeschworen ist. Komplizierter ist 
die Baltin Zur-Mühlen, die seit mehr als zehn Jahren in 
Italien lebt und nicht zufällig in die Gruppe hineinge 
kommen ist. Eine begeisterte Künderin südlicher Land 
schaft, anfangs impressionistisch, doch mit gutem Raum 
gefühl, geschmackvoll und zielsicher in der Farbe, dann, 
neueingestellt, wie nach einem großen inneren Erlebnis: 
Betonung der Linie und zarte, fast schüchterne Heraus 
arbeitung des Charakteristischen. Das kecke Drauflos 
stürmen ist der beschaulichen Andacht gewichen. Der 
Bildhauer Martini zeigt einige Plastiken, die sehr für seine 
Begabung und sein Wollen sprechen. In dem herben Bildnis 
seiner Mutter zeigt sich das am florentinisdhen Ideal ge 
schulte Können,- bei dem Jünglingskopf sucht der Künstler 
von der Tradition loszukommen und sein eigenes plasti 
sches Sehnen zu verwirklichen. Die Jungfrau von Or 
leans ist ganz auf Spannung des Nerv hin gearbeitet. Sonst 
ist Martini, im Gegensatz zu seinen malenden Gruppen 
genossen, kein Mann des Experiments, sondern ein Pla 
stiker, der fest in der Vergangenheit wurzelt, sich aber den 
Kopf für eigene Ideen frisch gehalten hat. 
Hugo Kubsch. <Deutsche Tageszeitung 8. IV. 21.) 
DADA VOR GERICHT 
Der Architekt, Schriftsteller und Führer der Dadaisten, 
Johannes Baader, der sich »Oberdada« nennt, hatte sich vor 
der Strafkammer des Landgerichts II unter Vorsitz des 
Landgerichtsrats Oertel wegen Beleidigung der Angehö 
rigen der Reichswehr zu verantworten. Mit ihm der Kunst 
händler Dr. Otto Burchard, der Kunstmaler George Groß, 
der Schriftsteller Herzfelde und der Kunstmaler Rudolf 
Schlichter. 
Im Juli und August hatten die »Dadaisten« im Hause 
Lützowufer 13 eine Ausstellung unter dem Titel »Erste 
Internationale Dadamesse« veranstaltet. Auf dieser waren 
auch folgendes zu sehen: An der Decke des Ausstellungs 
raumes hing ein ausgestopfter feldgrauer Soldat mit Offi 
ziersachselstücken und der Maske eines Schweinekopfes 
unter der Feldmütze. An der Wand stand ein aus schwar 
zem Leinen ausgestopfter Frauenrumpf ohne Arme und 
Beine, an dessen Brust waren ein verrostetes Messer und 
eine verbrochene Gabel angenäht. An der einen Schulter 
auch eine elektrische Klingel, auf der anderen ein Spiritus 
kocher. Am Hinterteil des Frauenkörpers befand sich ein 
Eisernes Kreuz. Ferner lag eine Mappe »Gott mit uns« 
aus, die Karikaturen von Militärs enthielt. Diese Mappe 
war im Malik-Verlag erschienen, dessen Inhaber der 
der Angeklagte Herzfelde ist, während die Bilder vom 
Angeklagten Groß stammen. Zu der schwebenden Puppe 
in der Ausstellung war folgende Anmerkung gegeben: 
Um dieses Kunstwerk zu begreifen, exerziere man täglich 
zwölf Stunden mit vollgepacktem Affen und feldmarsch 
mäßig ausgerüstet auf dem Tempelhofer Feld. 
Bei Beginn der Sitzung erklärte der Oberdada Baader, 
der Dadaismus habe es sich zur Aufgabe gemacht, kulturell 
schädlichen Sedimentbildungen entgegenzuwirken. Dies 
geschehe am besten durch den Humor, denn dieser fehle 
uns Deutschen am meisten. 
Der Zeuge Hauptmann Matthäi, der die Ausstellung 
besucht hat, hat den Eindruck gewonnen, daß die Aus 
stellung eine systematische Hetze gegen die Offiziere und 
Mannschaften des Heeres darstellte, Die Zeichnungen von 
George Groß in den Mappen enthielten nach seiner Über 
zeugung beinahe auf jedem Blatt in der Darstellung von 
Majoren, Offizieren und Unteroffizieren so infame und 
verabscheuungswürdige Verunglimpfungen, wie er sie noch 
nicht gesehen habe. Auf jedem Blatt standen drei Inschriften 
in deutscher, englischer und französischer Sprache,- zwei 
Ausländer, die mit ihm zugleich die Blätter 
besichtigten, hätten sich über die ganze Sache 
sehr gefreut. Die Angeklagten Groß und Herzfelde
	        

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