Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

gegen den »Kreuzweg« Abstimmungen. Flug= 
Schriften zu Lob und Angriff erscheinen,- Vor 
träge werden abgehalten und die Priesterschaft 
selber ist wie die Laienschaft geteilt. Kardinal 
Mercier hat sich für die Bilder erklärt und selbst 
innerhalb der Karmeliterbrüderschaft: gibt es eine 
Mehrheit, die dem »Kreuzweg« nichts Anti 
christliches und Gotteslästerliches nachzusagen 
vermag. Bei der bekannten Gottesfurcht des 
flämischen Landvolks, das in hellen Schaaren 
der Wallfahrtskirche zupilgerte solange die 
Bilddr in der Kapelle aufgehängt waren, erlangt 
der Skandal wie gesagt ein ungeheuerliches 
Ausmaß. Mehr als bei einem Buche, das auf 
den Index gesetzt wird und das dem einfachen 
Manne sowieso nicht in die Hände gerät, ist 
hier die Öffentlichkeit betroffen und zum Mit= 
urteilen angeregt, wo Tausende von Augen die 
inkriminierten Werke betrachten konnten. Der 
alte Konflikt: ein gutkatholischer Künstler, der 
das Göttliche darzustellen sucht, ohne sich an 
die hergebrachte Ästhetik der Kirche zu halten, 
dessen Werke weit über diese enge Ästhetik 
hinausdringen, die Gemüter einmal wahrhaft 
ergreifen und der deswegen verketzert wird. 
Das schafft eine gefährliche Unsicherheit, denn 
keiner der Frommen, die vor dem »Kreuzweg« 
gebetet haben, weiß nun nach dem Verdikt der 
Kirche, ob er nicht Teufels werk anbetete. 
Servaes, der Künstler, ist natürlich machtlos. 
Zwar schützt ihn der belgische Staat, und De= 
stree, der Kultusminister, schlug ihm unmittelbar 
nach Bekanntwerden des Falls den Ankauf der 
Zeichnungen für ein Brüsseler Museum vor. 
Eine derartige Rehabilitierung kann Servaes 
kaum genügen. Als treuer Sohn der Kirche 
sucht und schmachtet er nach der Zustimmung 
und nach dem stärkenden geistigen Schutze 
aller Glaubensgenossen. Deswegen sendet er 
jetzt den »Kreuzweg« in andere Länder. In 
Holland, wo eben die Bilder weilen, fällt das 
Urteil in kirchlichen und nichtkirchlichen Kreisen 
einhellig zu seinen Gunsten aus. In Deutsch 
land wäre der Beifall vermutlich noch größer, 
denn die vierzehn Stationen sind ausgezeichnet 
durch eine tiefe Erlebnisinnigkeit und durch eine 
redliche, gotisch-germanische Formwahrheit. 
Servaes gehört zu jenen jüngeren belgisch^ 
flämischen Malern, die in dem Flecken St. Mar= 
tens Laethen groß wurden und aus diesem Dorfe 
eine berühmte Kolonie etwa wie das deutsche 
Worpswede machten. Sein Atelier wurde wäh 
rend des Kriegs von manchem Deutschen be= 
sucht und schon damals, noch bevor der Künstler 
im eigenen Lande Ruhm gewann, wanderten 
Bilder von ihm in deutschen Privatbesitz. Auf 
der Ausstellung 1919 Venedig, erregten seine 
»Szenen aus dem Bauernleben« (Ölgemälde) 
starkes Aufsehen. F. M. Hu ebner. 
Signaux de France et de Belgique 
Unter diesem Titel begann am 1. Mai in 
Brüssel eine neue Monatsschrift zu erscheinen, 
deren Herausgeber, die litterarischen Leiter des 
Selection-Kunsthandels, dafür bürgen, daß es 
sich um ein tonangebendes Unternehmen handeln 
wird,- während es nämlich in Belgien nicht an 
streitenden Organen für das neue Denken und 
Kunstgestalten fehlt — erinnert sei nur an die 
vorzüglich geleitete »Art libre« von Paul Co 
lin — gibt es eigentlich keine Sammelstätte für 
das neue Schrifttum, wo nach dem Vorbilde 
Pariser Revuen eine breitere und selbstverständ^ 
liebere Formulierung der neuen Erkenntnisse 
erfolgt. Hier werden die »Signaux« mit ihrem 
monatlichen Umfang von 48 Seiten vorangehen, 
über den Parteien, über den Schulen stehend, 
einer geschmackvollen Kulturgesinnung den 
Vorzug gebend. Der Leiter für Frankreich ist 
Andre Salmon, der für Belgien Frans Hellens. 
Wie ich höre, wird man in einiger Zeit auch 
deutsche Schriftsteller zur Mitarbeit bitten. 
Dr. H. 
Ter Waarheid 
In Gent, Graslei 13 wird unter dem Titel »Ter 
Waarheid« eine flämische Zeitschrift herausge= 
geben, die von außerordentlichem Werte wegen 
des darin aufgespeicherten Nachrichten-Mate 
rials ist. Die Zeitschrift dient religiösen, künst 
lerischen, politischen Interessen. Jede Nummer 
enthält Gedichte und einen größeren Aufsatz 
(siehe in Nr. 1 den weitausholenden Aufsatz: 
»Rembrands Licht«), sowie Zeitschriftenauszüge
	        
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