Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Es kann nadi dem Gesagten wohl nicht zweifelhaft sein, wie diese Situation beschaffen ist, und 
so erübrigt sich nur, das Bild, dessen unerfreuliche Umrisse wir schon ahnen, modellgetreu im 
einzelnen auszuführen. 
Sprechen wir vorerst von dem kontrollierbarsten Exponenten der öffentlichen Meinung: von 
der bürgerlichen Presse oder genauer: von der Kritik derselben. Wie fast nicht anders zu erwarten, 
ist sie der Neuen Kunst von allem Anfang an mit einem geradezu entwaffnenden Unverständnis 
begegnet. Von leidenschaftlicher Opposition oder von einer durch traditionelle Kunstanschau* 
ungen bedingten Ablehnung kann nicht die Rede sein. Was da auf die Manifestationen der Neuen 
Kunst reagierte —' mehr in der Tonart der Verulkung als der Empörung — war die menschliche 
Dummheit in Reinkultur, das 100 % Banausentum, die ahnungsloseste Ignoranz. Es scheint, 
daß sich die offizielle Kritik anfangs für zu gut hielt, selbst zu den Neuerscheinungen in der Kunst 
Stellung zu nehmen. Man erteilte z. B. einem 
bajuvarischen Schnurrenerzähler das Wort, als 
die »gelbe Kuh« Franz Marcs mit prachtvollem 
Ungestüm den Zaun mitbürgerlicher Künste 
Vorstellung berannte. Und als die Futuristen 
ihren Einzug in München hielten, wurden sie 
von dem Kunstkritiker der einflußreichsten Ta* 
geszeitung ganz ernsthaft als moralische Saty- 
riker des modernen Snobismus begrüßt. Je 
länger sich aber der »Unfug« der Neuen Kunst 
behauptete, desto gereizter, desto gröber wurden 
die kritischen Auslassungen gegen ihn. Zwei 
Münchner Kritiker besonders haben sich in 
diesem Don Quichotte*Kampf unvergeßlich 
hervorgetan: ihre Namen — aber wozu sie 
nennen? — Nur die Bedeutung eines Interreg 
nums kommt der Tätigkeit Wilhelm Hausen 
steins zu, der in den »M. N. N.« eine Zeitlang 
vergeblich versuchte, durch eine immerhin von 
Verständnis und Verantwortung getragene 
Kritik der Sache der Neuen Kunst in München 
zu nützen. Er kämpfte auf einem verlorenen Kurt S(llwitt£rs » Das Papi( . rfetzeilbiI<I<; <Me r z bild) 
Posten, und als man endlich seine Demission 
durchgesetzt hatte, zögerte man keinen Augen 
blick, um wieder seinen Vorgänger im Amt, jenen bieder*ahnungslosen Bewunderer des Glas 
palastkitsches, das Richtschwert anzuvertrauen. <Die Leser der »Arche« haben schon mehr als 
einmal Gelegenheit gehabt, sich an seinen Aussprüchen und Werturteilen zu ergötzen.) 
Wer die unzweideutige Stimme des Volkes zur Neuen Kunst vernehmen will, dem sei empfohlen, 
jenen Kunsthändler, der seit 1912 die Sache der Neuen Kunst in München verficht, um Einblick 
in seine »Der Stumpfsinn« betitelte Mappe zu ersuchen. Sie enthält u. a. eine Reihe von Zuschriften, 
die von ihren anonymen Autoren in dem Briefkasten des Kunsthändlers deponiert wurden. Ihr 
Inhalt ist von einer Rabelais'schen Derbheit und daher wenig zur Veröffentlichung geeignet. Aus* 
drücke wie »Schweine« und »Gauner« zählen zu den mildesten. Drohungen mit Totschlag und 
Brandstiftung kehren immer wieder. Harmloser und lustiger sind die parodistischen Imitationen 
expressionistischer Gemälde, die sich von Zeit zu Zeit auf der Schwelle der Kunsthandlung ein* 
fanden. — Nach einer Statistik desselben Münchner Kunsthändlers gehen kaum 5 Prozent der die
	        
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