Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Gelegenheit, um den Futuristen ihre »diabolische« Auf 
fassung von der Liebe vorzuwerfen, was von jenen mit 
dem Zuruf »Kastraten« beantwortet wurde. Die Mani 
festation, der eine große historische Bedeutung beigemessen 
wird, erstrechte sich über mehrere Abende, an denen auch 
musikalische Darbietungen moderner Komponisten statt 
fanden und klang zum Schluß in die gebieterische Forde 
rung »Nieder mit den Priestern« aus, worauf der Gegenruf 
»Nieder mit den Hitzköpfen« erscholl. Die Futuristen, die 
viel Anklang fanden, beabsichtigen mit dieser Manifestation 
einen neuen Feldzug einzuleiten. 
England. Wie einer unserer Leser aus London meldet, 
besteht die Vereinigung Englischer moderner Künstler, die 
unter dem Titel »Blast« kurz vor Ausbruch des Krieges 
<Juni 1914) ein umfangreiches Werk herausgab, unter dem 
Namen »Coterie« weiter. Sie läßt gleichfalls ein zeitschrift 
artiges Blatt erscheinen, das zwar einige Reproduktionen 
aufweist, in der Hauptsache jedoch literarisch ist. Der Kubist 
Wyndham Lewis, der geistige Urheber von »The Caliph's 
Design«, worin u. a. die Architekten zu einer radikalen 
Vernichtung des Alten angestachelt werden <»Architects! 
Where is your Vortex?«), ist ein Mitglied obengenannter 
Gruppe. 
Es scheint leider, daß der nationalistisch-einseitige Indi 
vidualismus der Engländer eine starke ästhetische Aktivität 
nie aufkommen lassen wird. Der Besuch, den Douglas 
Goldring unserer Redaktion zum Zweck eines engeren 
Anschlusses zwischen England und Holland abgestattet, 
hat unsere Hoffnung auf eine mehr der gemeinsamen Ent 
wicklung dienende Tätigkeit stark enttäuscht. Doch dies 
gilt nicht allein von England Der hochgepriesene 
Internationalismus besteht — wir sprechen hier aus Er 
fahrung — immer nur noch in Worten. <Abgesehen von 
der Familie Dada.) Die internationale revolutionäre Kunst 
politik — wie wir sie mal benennen wollen —, verharrt 
nach wie vor in ihrem ersten Stadium und der Gemeinplatz 
»international« dient meist als Deckmantel, um nationale 
Vorteile erlangen zu können. 
Mitteilungen des Kunstvereins Hamburg. Im 
Kunstverein in Hamburg sind gegenwärtig umfangreiche 
Gemäldesammlungen von Alexander Kanoldt, 
München und Erich Waske, Berlin zur Ausstellung 
gelangt. Mit dieser Veranstaltung, die bis Anfang Juli 
dauert, schließt der Kunstverein auf längere Zeit seine 
monatlichen Ausstellungen. — Im Obergeschoß der alten 
Kunsthalle wird, beginnend am 14. August, auf Einladung 
und unter der geschäftlichen Leitung des Kunstvereins, die 
diesjährige Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes 
stattfinden. Die Beschickung dieser Ausstellung ist jedem 
deutschen Künstler gestattet. Die eingelieferten Werke 
unterstehen einer Jury. Die Ausstellungsbedingungen und 
Anmelde-Formulare sind durch die Geschäftsstelle des 
Kunstvereins erhältlich. Der Eingang zu den Räumen des 
Kunstvereins befindet sich in der Haupthalle der neuen 
Kunsthalle und zwar rechts neben der Treppe, die zum 
Bertramsaal hinaufführt. 
Jakob Böhme-Bund. In Görlitz hat ein Zusammen 
schluß fortschrittlich gerichteterKünstler stattgefunden unter 
dem Namen Jakob Böhme-Bund. Wesen des Bundes ist, 
die Beziehungen zwischen Kunst und Mystik zu finden und 
den Geist des Metaphysikers Jakob Böhme in die heutige 
Kunst zu projizieren. Der Bund macht es sich zur Auf 
gabe, für wesentliche neue Kunst zu kämpfen. Seine erste 
Tat war eine Ausstellung mit radikalen Werken, unter 
denen die von Josef Schneiderfranken und Fritz Neumann- 
Hegenberg <dem Vorsitzenden des Bundes) besonders her 
vorragten. Im Rahmen der Ausstellung fanden zwei Vor 
träge statt: einer von Neumann-Hegenberg über »Neue 
Malerei« und einer von H. H. Stuckenschmidt über »Das 
Problem der neuen Musik«. Geplant sind ferner 
literarische Vorlesungen und Konzerte. 
Die neue Ausstellung »Porzellan und 
Majolika« in Mannheim. Neben der Ausstellung 
»Der Genius im Kinde«, die alle lebendigen, dem Menschen 
von der Natur gegebenen Kräfte aufzeigt, ist in der Mann 
heimer Kunsthalle eine zweite Schau eröffnet, »Porzellan 
und Majolika«. Sie zeigt eben wiederum dieses Leben, 
wirksam geworden und herausgestellt als Werk zweier 
Künstlerpersönlichkeiten, Hans Poelzig und Max Läuger, 
unterstützt von der Tüchtigkeit deutscher Industrie und 
eigener handwerklicher Meisterschaft. 
Am lautesten tönen diese lebendigen Kräfte uns aus 
den beiden ersten, Hans Poelzig und seinen neuen Ent 
würfen gewidmeten Räumen entgegen. Der »Ältesten 
Volkstedter Porzellan-Manufaktur« gebührt der Ruhm, 
mit alter Tradition brechend, die Ausformung von Stücken 
so ungeheuerlicher, für die Porzellanerzeugung nie dage 
wesener Ausmessung kühn gewagt zu haben. Das spröde 
Material hat einem Schöpferwillen gehorcht. Kandelaber 
winden sich wie Riesenbäume empor, türmen sich zu 
Wellen, emporgetragen von einer unbekannten Macht 
oder verspritzen in Strudeln. 
Das Problem der verborgenen Lichtquellen, für das Poel 
zig immer neue Lösungen sucht, wir denken hier an die 
phantastischen Wirkungen im Berliner Großen Schauspiel 
haus, scheint wundervoll gelöst in den Wolkenleuchtern, 
die als schwere Trauben an der Decke hängen und in deren 
dichten Wolkenmassen das Licht nur verborgen schimmert, 
um durch die sich herauslösenden Wölkchen golden hin 
durchzufluten. 
Träume des Rokoko sind Gestalt geworden, und wie 
wegweisend mischen sich indo-chinesische Elemente hinein. 
Wie ein Wunder erscheint es auch, daß eine Persönlich 
keit das Schaffen des gesamten Künstlerstabes des Werkes 
bestimmt hat. Unter dem Einfluß entstanden die grotesken 
Fabeltiere, ursprünglich für porzellanverkleidete Nischen 
bestimmt, wie ja alles, Kandelaber, Wandleuchter, Kon 
solen und Kronleuchter Teile eines Ganzen sind, eines 
Wolkensaales mit Wolkenkuppel, wo das Material höchste 
Triumphe feiern sollte, geplant für das Porzellan-Palais 
der Leipziger Messe.
	        
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