Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Der zweite Künstler ist Max Läuger, der Karlsruher 
Keramiker. Zur Zeit des Jugendstiles ist er Sucher einer 
neuen Form gewesen und Läugertöpfereien mit plastisch 
aufgelegtem, pflanzlichem Dekor erfreuten sich größter An 
erkennung. Jetzt arbeitet er still für sich, fern vom Markte. 
Gebildet an den edlen persischen und türkisdien Fliesen 
und Schalen strebt er unermüdlich zu letzter Vollendung 
und restloser Beherrschung des Materials. Das Gebiet der 
Majolika ist sein Reich. Bedingt durch die Schwere des 
grobkörnigen Stoffes sind seine Urnen, Vasen und Schalen 
von stillbewegter Umrißlinie voll edelster Harmonie. Die 
Palette zeigt vorwiegend zwei Farben, ein ganz gesättigtes 
tiefdunkles Blau und ein gedämpftes Grün. Geheimnisvoll 
umspinnen feinste Ranken und Blätter unter schwerer silb 
riger Glasur die Gebilde oder bewegen sich Tiere. Jedes 
der Stücke ist einmalig, allen Zauber so in sich schließend, 
der wiederum in jedem neu erscheint. Seine neuesten 
Schöpfungen sind Kleinplastiken, weiche, verträumte 
Frauen, die von Meertieren emporgetragen sind zum Licht 
des Tages oder sich erstaunt und fragend vom Grunde 
einer Schale lösen. 
Ließ das Porzellan, ein feingeschlemmtes, in hohem 
Brande gehärtetes Material, von mutiger Hand sich zu 
jenen Riesenschöpfungen bilden, so hat auch die »Groß 
herzogliche Majolika-Manufaktur« verstanden, die Gren 
zen der Majolika zu dehnen. Daß dort auf dem Gebiete 
der Baukeramik Gutes geleistet wird, zeigen die Zweit 
ausformungen der von Bruno Paul entworfenen und unter 
Mitwirkung des Bildhauers Willy Schade entstandenen 
Fassade des Kunstmessehauses Dülk Berlin. Hier erscheint 
der ganze Reiz der durch das Material bedingten, ruhigen 
Fläche mit opalartigem Glanz der Glasur. In rhythmischen 
Abständen sind Figuren in maßvoller Bewegung verteilt, 
gehalten auch in dem Fluß ihrer Gewänder. 
Der Manufaktur ist es unter ihrem neuen Direktor ge 
lungen, namhafte Künstler an sich zu fesseln. Es seien hier 
Scheurich mit Zierwandplatten, Prof. Wacker le-München 
mit einem Zierbrunnen genannt. Als besonders gelungen 
sind die Öfen von F. A. Breuhaus-Köln anzusehen, die 
jedem Raum zur Zierde dienen würden. 
Die Fabrik ist ursprünglich von Hans Thoma und Wil 
helm Süs gegründet. Aus dieser Zeit stammen Kacheln 
und Tellern von beiden geschmückt und so mustergültig 
auch in ihrer technischen Behandlung, daß sie sich messen 
können mit den in einer Vitrine untergebrachten alt 
italienischen Majoliken aus der klassischen Zeit des 16. bis 
18. Jahrhunderts. Auch der Tierplastiken Wilhelm Links 
aus jener Anfangszeit sei Erwähnung getan. 
Wo so starke, gestaltende Kräfte lebendig sind, zeugen 
sie neues Leben und neue Werke und lassen den Glauben 
wachsen an gute Tat. GreteBrandt. 
Zenitistisches Manifest. Ivan Goll — Paris. 
Jeden Morgen um fünf Uhr, überall, auf den fünf Konti 
nenten, erhebt dieselbe Zeitung ihr übernächtlich graues 
Haupt mit den schwarzen Lügen des Lebens: 
Triedensßonferenz - Mord im Käsegescßäft — 
Der Sprug aus dem Herzen der Gefaßten ~ 
Kauft Gifatte Rasiermesser - Bergson in 
Amerika - Wäßßet Nero! ~ Hurra! 
O Europäer mit kurzen Stirnen, Frauen mit zu engen 
Korsetten, Kinder mit trojanischen Pferden: ihr alle, Feinde 
einander, Feinde des Bruders und des Vaters: ihr alle, 
Kronen der heiligen Schöpfung, jeder mit einer papierenen 
Krone auf dem amerikanisch geschnittenen Haupthaar: 
Sozialisten und Royalisten, zerlumpter Prolet im Ölrevier, 
berlockentanzender Bankier in London: Oh! Nein! Nein! 
Glaubet nicht, daß wir wieder einmal mit Phrasen der Liebe 
zu euch kommen: Genossen, Brüder, ihr traditionellen 
Gipsköpfe, verdummte Professoren, veralkoholte Beamten 
gehirne, verseuchte Haut- und Seelenärzte: nein! Wir 
hassen, hassen, hassen euch! Aber wir wollen die elende 
Maske des kapitalistischen Karnevals von eurem Gesicht 
herunterreißen, wir wollen alle eure Schamgewänder und 
zynischen Efeublätter euch von den Gliedern zerren, bis 
euer Hirn wie ein schmutziger Schwamm verdorrt, euer 
Herz wie eine alte Semmel ausgetrocknet, vom Regen und 
Sturm unserer Feindschaft schwellen und schwellen und 
platzen, dann ihr als Tiere, als Mörder, als Militaristen 
geborene, von Homer bis Marinetti mit Kampfgesängen 
aufgepäppelten Nationen, ihr mit Bibeln,Witzen und Straf 
gesetzbüchern statuierten Zivilisationen, ihr Völker, dann 
wollen wir euch über die Kasernen und Justizpaläste hin 
weg/ auf denen »Gott mit uns« und »Liberte Egalite Fra- 
ternite« im Golde prangt, über eure Mauern und Moralen 
hinweg Zenit zeigen Sonne Katarakte von Wahrheit, 
Millionen Volt himmlischen Lichtes. Unsere erstklassige 
Ia Denkmaschine wird euch vergiftetem Geschlecht flüssige 
Sonne in eure kondensierten Milchbüchsen hineinverar 
beiten: Wahrheit. Nein! Nein! Nein! Wir lieben euch 
keineswegs! Wir wollen euch nicht umarmen, ihr Heuchler, 
ihr Verdummten, ihr Frommen, ihr Politiker, ihr Syphi 
litiker, ihr sentimentalen Kleinnationalen! — Nationen! 
Stammbäume! Urgeschlechter! Quatsch! Mensch! Wir 
sind nicht Franzosen, nicht Serben, nicht Deutsche, nicht 
Neger, nicht Luxemburger! Wir sind Europäer, Ameri 
kaner, Afrikaner, Asier, Australier! In dieser Zeit der 
notwendigen Trusts ein gewaltiges Welt-Dokument: 
Zenit! Mit Ozon, Wasserstoffsuperoxyd und Radium 
wollen wir eure Münder und Herzen reinwaschen, auf 
daß ihr als Menschen, ohne Abzeichen, barhaupt, ohne 
Zylinder, Chauffeurmütze und Helm in die offene Sonne 
der Wahrheit treten könnt, ohne den Sonnenstich oder die 
Schlafkrankheit zu bekommen. 
<Anm. d. Red. Zenit ist eine polyglotte internationale Zeit 
schrift, die von jungen, reinen Menschen in 
Agram (S.H.S.) herausgegeben wird.)
	        

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