Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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In unserer einseitigen Weltanschauungskultur reizte 
die brutale physische Schönheit des Exotismus, die 
Robustheit und Exaktheit der Formen zum Genuß am 
Kunstwerk, gleichgültig, ob wir die Motive, die kult* 
liehen Projektionen jeweils erkannten. Die Diskontinui 
tät ward zur neuen Lebensform, unsere hirnliche Sucht 
nach Sonderformen bekam innersten Rückhalt. Die Wucht 
der archaischen Ballungen, immer instinktiv echt, ob sie 
im alten Mexico, in Joruba, in Java, im heutigen Paris 
oder Rom sich in Bildgestalt entlädt, bleibt Ursprünge 
liebstes Merkzeichen, Sinnbild im Auferstehungsgedanken 
natürlich wirbelnder Kunsttat. Welcher äußeren Kultur 
wir hierbei angegliedert sind, bleibt völlig belanglos. 
Wer in der Eingeborenenkunst eine gewisse Monotonie 
zu sehen glaubt, wird erstaunt sein, in diesen geschlos 
senen Werken voller Distanzgefühl und sicherer Raum* 
gebung, in dieser farbigen Ornamentik <die sich wohl ge 
merkt nicht immer aus des Technik, aus Weben und 
Flechten ableiten läßt), in der figurenreichen Rundplastik 
recht bewegte Szenen und lebhafte Akzente anzutreffen, 
er wird offen bewundern müssen, mit wie relativ einfachen 
Mitteln frappant der tropisch nervöse, vegetative und 
animalische Inhalt zur aktiven achtunggebietenden Seins- 
Gesinnung gebracht wird, und wie ungemein modula* 
tionsfähig auf der engen, stark begrenzten Raumaus 
dehnung heterogenster Urkulturen die Verfertiger das 
Werk der Gottheit oder profanen Verzierung eindeutig 
zu bannen wußten. Was uns Fortgeschrittenen als ein 
Gelübde an die Abstraktion dünken mag, ist hier absolut 
naturalistische Vitalität, gewissermaßen eine unerhört 
körperliche Verdichtung von organisch-geschichtlicher Tra* 
dition und seelischer Schärfe, das Schauen einer eigene 
tümlich präzisierten Vorstellung. Die Heraufbeschwörung der Exotik wurde für uns zum 
künstlerischen Umschlag, zur Aufdeckung suggestiver Wünsche, zum Leitmotiv einer neuen 
inneren Physiognomik, zum Protest gegen die Korrektur einer malerischen Impotenz. Eine 
panische Synthese erschütternder Erregungswellen aus Sexualität und imperialer Geister 
mystik wölbt mit rassiger Kraftfülle die Legenden des roten und schwarzen Mannes in 
Holz, Stein und in Märchen. Die verzerrte Gestalt eines exotischen Künstlers durch literarische 
Geheimlehren interpretieren zu wollen, beweist nur den Unverstand der europäischen Seele, jede 
Emotion in der künstlerischen Erhöhung und Unterwerfung in ihre unoriginale, empirische Ortho 
doxie zu pressen. Das Geschlagenwerden von dieser männlich neuen Formenzone erlebte Gauguin 
naiv, Palau wurde dann zu einer bilderstürmerischen Bußfertigkeitsangelegenheit erhoben, heute, 
wo ein Liebes werben um die Schätze unserer Völkerkundemuseen einsetzt und aus allen mög* 
liehen Zwischenschichten Exoten*Apostel erstehen, ist im Grunde unser Verhältnis zu den primi* 
tiven Kunsterzeugnissen dennoch gänzlich ungeklärt. Eines wird mit größerer Intensität bemerkbar: 
unsere tiefsten Bewußtseinsschichten, seit Generationen hindurch durch eine bestimmte logische 
Bahn im Wirkungsbereich zurückgeschraubt, stimmen in der instinktiven Orientierung mit der 
Neu»Mecklenburg. HolzgesdinitzteUli» 
Figuren. 1 /u nat. Gr. Museum für Völker» 
künde, München. Vergl. Münchner Jahrb. 
d. bild. Kunst 1913, p. 332 ff.
	        
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