Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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zu erwarten sich erkühnt <wer erlöst uns Europäer aus dem 
Zwange der »Natur®Gesetzlichkeiten« ? wer ??), — und so 
dehnt sich im unklaren Gewucher der afrikanischen Phantastik 
die Welterklärung einfach weiter: aus der Made wird die Ei® 
dechse, die Schlange, wird das Krokodil. Und auch sonst 
durchtränkt sich alles Tierische mit irgendwelcher mystischen 
und magischen Bedeutsamkeit. Wenigstens in der früheren 
Ursprünglichkeit urtümlicher Auffassung und Erlebnisart. 
Denn heute eifern islamitische und christliche Missionare um 
die Wette gegen solch Heidentum, und leider, leider sind ihre 
transzendenten Götter vermöge des Branntweins und des 
Warenhauses etwas mächtiger als die Fetischpriester und die 
Ahnengeister der Neger. Und mit den guten, alten Göttlich 
keiten (wenn man so sagen darf) geht nun auch ihr Reflex in 
der menschlichen Kunstwelt, geht diese selbst zu Grunde. 
Automatisch verwischt sich das Gedächtnis, ja schon die ab® 
strakte Erinnerung an die Deutung der tierischen Gestalten, 
die als Ornamente oder als plastischer Zierrat die täglichen 
Gebrauchsgegenstände schmücken. Und nur die europäische 
Bewußtheit noch ersetzt sich selbstständig das ursprüngliche Gefühl: in den Schlangen, den 
Affen, den Vögeln, den Büffeln, den Spinnen und den anderen Tieren, — in ihnen allen lebte 
dereinst für den einheimischen Handwerker ein wirkungsfähiges, ein kraftvolles Seelentum,- ja, es 
wohnte nicht nur in ihnen, sondern sie selbst 
waren es in ihrer körperhaften Wirklichkeit. 
Ganz und gar beziehungslos zur zeitgenössi 
schen Verkündung des »reinen Geistes «schaute 
der Neger im Bilde des Ahnherrn dessen wirk® 
liehe, eigentlichste Realität vor sich. ‘Und trug 
im Maskentanz ein Neger eine Büffelmaske, so 
war er im eigentlichsten Sinne eben der Geist, 
der in der Maske wohnen sollte und der viel® 
mehr diese Maske selber war. 
II. 
Unter den großen afrikanischen Kunstgebieten, 
die mit den Namen Kongo, Niger, Kamerun, 
kurz bezeichnet sind, ist das nördlicheAfrika 
sozusagen das Tierparadies in der Kunstdar® 
Stellung. Das riesige Territorium des Kongo® 
Staates scheint viel weniger produktiv an künst® 
lerischen Tiergestaltungen. Nur da und dort 
erheben sich etwa Antilopen auf Tanzmasken 
und auch die Eidechse streckt sich hier (wie sonst 
überall in Afrika) ornamental auf Deckeln von 
Kästchen aus. Aber im allgemeinen ist das 
Tierreich sehr wenig vertreten,- zarte mensch® 
liehe Körper oder rein abstrakte Ornamente 
bestimmen die Vorstellungswelt. 
Hölzerner Palauerstuhl aus dem Kameruner Grasland 
<Bammu> 
Museum'für Völkerkunde, Leipzig 
Holzschnitzerei: »Affe« 
Museum für Völkerkunde, Leipzig
	        
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