Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Dafür geht es in Nord west-Afrika um so zoologischer zu. Da haben wir zunächst das Gras 
land von Kamerun. Hier hat so ziemlich alles und jedes seine Beziehung zum Tierreich. 
Prächtige Masken mit Elefanten- und Büffel-Köpfen! Ausgezeichnete Stühle, deren Sitzplatten 
von Schlangen oder Leoparden usw. getragen werden! Prunkvolle Pfeifenköpfe <ans Ton oder 
Bronze) mit Elefantenschädeln! Speisebehälter von Elefanten oder anderem Getier bekrönt und 
auch getragen! Alle Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens gewannen —- freilich nur im 
Haushalt des Vornehmen und Reichen — ihren tierisch®mystischen Schmuck. Und hier im Gras 
land ist das Tierische nun etw'as wirklich Animalisches, das bluthaftes Leben in sich trägt. Freilich 
kommen die sonderbarsten Zusammensetzungen vor: menschliche und tierische Formelemente, 
organische Züge verschiedener Tierarten geben sich in manchen Arbeiten ein oft verblüffendes 
Stelldichein. Aber das Formale ist doch wichtiger: das Aufquellende, von innen nach außen 
bluthaft Wachsende, das die Formbildung bestimmt. 
Hier ist wirklich Instinkt für plastische, das heißt leibhafte 
Formensprache: wie schön rundet sich die Schlangen 
windung des Bronzeverschlusses und des Beratungs 
stuhles, die Spinnen-Körper und ®Beine der Pfeife! Und 
so ist auch der gewissermaßen geistige Ausdruck der 
Masken voll körperhaften Kraftgefühls: Büffel und Eie® 
fanten geben sich den gleichen munter®vergnügten An® 
schein, wie Ahnenbilder jener Gegend. 
Weiter im Westen ist man ernster gesonnen. 
Große, mächtige Reiche der früheren Zeit haben sich 
dort einen künstlerischen Ausdruck voller Energie und 
Strenge geschaffen. Das Kriegerische ihrer Menschheit 
spiegelt sich im Tiere wieder. Freilich wird dieses hier 
weniger gut verstanden, wie im Grasland. Die Er® 
innerungsbilder {vielleicht) des Jorubareichs ® Gründers 
und Beherrschers zeigen ihn hoch zu Roß, — aber er 
versinkt gleichsam im Sattel und dieser Sattel wiederum 
im Pferdekörper, und dieser hat seinerseits eine so merk® 
würdig plumpe Figur, daß die militärische Eleganz des 
Reiters dadurch ein wenig Einbuße erleidet. Aber anderes 
gelingt dafür um so besser: Welse, Vögel, Hasen usw., 
welche paarweise eine Schale stützen, die zum Auf® 
bewahren religiös wichtiger Pflanzenkerne bestimmt ist. 
Oder es wird der Leib des Chamäleon zum Gefäß ge 
formt. So vielgestaltig diese tierische Welt der joru® 
bischen Gefäße ist, — es bleibt zumeist die Formensprache eindeutig sich gleich in der kantig 
scharfen Schnittführung, die ihre gleichsam disziplinierten Gestaltungen <ohne den wogenden 
Rhythmus des Kameruner Graslandes) mit elastischer Härte und Genauigkeit modelliert. 
Je weiter wir nach Westen gehen, desto mehr betont sich der schon im Jorubenlande spürbare 
Sinn für die kantige Härte. Aber indem er immer spitzere Formen bevorzugt, nimmt er ihnen 
doch durch elegante Grazie die Gefahr der Brutalität. Aus der Mossigegend stammende 
Antilopenmasken haben in 'der Spitzigkeit ihrer Hörner und Ohren eine ganz ausgezeichnete 
Haltung und Vornehmheit. 
Zwischen diesen Binnenländern und dem Meere zieht sich ein Küstenstreifen um West® 
afrika hin, dessen Kunstübung die ursprüngliche Grundlage des Negertums schon durch 
Hölzerner Speisebehälter aus dem Kameruner 
Grasland <Babanki> 
Museum für Völkerkunde, Leipzig
	        

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