Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Javanische Marionettenfigur 
Völkerkundemuseum Stuttgart 
einmal der Süden den Norden durdi die ver= 
lockenden Vorzüge einer einfachen Körperlichkeit 
und einer klaren, geschlossenen Form bedrängt. 
Ganz besonders tritt uns die Relativität aller 
Kunstanschauung bei Betrachtung der Skizzen 
entgegen, die Pechstein 1913—1914 gelegentlich 
einer Reise nach Italien und in die Südsee ange= 
fertigt hat. Pechstein, eines der Häupter des 
deutschen Expressionismus, tritt uns hier be= 
sonders in seinen italienischen Zeichnungen,wenn 
diese auch »nur Spiel« sind, als reiner Impres 
sionist entgegen. Blatt 6 aus Italien, eine Barke 
auf bewegter See, findet seinen nächsten Ver 
wandten in den berühmten Polospielern Lieber 
manns. Man wird in der Zeichnung des Ex= 
pressionisten Pechstein vergeblich mehr Seele 
suchen, als sie die Zeichnung Liebermanns zeigt, 
man findet dagegen ebensoviel Talent für die 
Auffassung des blitzschnell sich verändernden 
Moments, ebensoviel Glaubwürdigkeit in ein 
paar hingeworfenen Linien wie bei dem großen 
Impressionisten. Ähnliches ließe sich von den 
meisten Zeichnungen aus Italien sagen. 
Ein neues Element, das auch sonst in einer 
bestimmten Richtung des deutschenExpressionis- 
mus eine bedeutende Rolle spielen sollte, das 
Exotische, charakterisiert die Zeichnungen aus 
der Südsee. Seit jeher in gewissen Perioden 
immer wiederkehrend wendet sich die abend 
ländische Kunst den Primitiven zu, an denen 
immer wieder die Gewalt und Unmittelbarkeit 
der Ausdruckskraft bewundert wird. Ein ähn^ 
lieber Anreiz geht naturgemäß auch von den 
primitiven Kunsterzeugnissen der tropischen, 
unzivilisierten Völker aus, deren Schönheiten 
Gauguin zum erstenmal dem überreizten Abend 
lande erschloß. Auf dieses Franzosen Fuß 
stapfen wandelte Pechstein. Das Einfühlen in 
die fremde Volksseele ist des wahren Reisenden 
Genuß und Aufgabe: Pechstein hat sich ihrer mit 
hingebender Liebe unterzogen, wie die Skizzen, 
die überraschend viel von fremdem Volkstum 
enthalten, uns zu beweisen scheinen. 
Aber auch rein formal war der mehr gesuchte 
als gegebene Einfluß exotischer Kunst auf den 
deutschen Expressionismus von Bedeutung und 
Tongefäß mit Kopfaufsatz der Chimu-Kultur 
(Küstengebiet Peru) Völkerkundemuseum Stuttgnrt
	        
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