Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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in ein natürliches Sammelbecken gaben die Provinzen ihre besten Kräfte der Stadt. Die Reaktion 
auf die Kunst Klimts bringt die Verschiebung. Die künstlerische Bewegung wird gegensätzlich: 
der verdorrte Boden der Stadt wirft die Begabungen zentrifugal an die Peripherie. In der Abge= 
schlossenheit der Provinz werden die Geschicke der österreichischen Malerei entschieden. Oder 
sind bedeutendste Kräfte wie Kokoschka und Wiegele überhaupt an das Ausland verloren. In 
Wien spielt nur mehr der Reigen der Verkaufsarbeit, des malerischen Handwerks. Mit Schieies 
Tod schied die bedeutendste bodenständige Kraft. Und in anderem Sinne: mit Schiele versank 
die letzte Blüte einer Malerei durchaus großstädtischer Prägung. Die Gegenbewegungen sind von 
andersgearteter menschlicher Erscheinung: strömende Vitalität des Lebensphänomens, nicht müde 
Großstadtdekadenz, urwüchsig brutale Kraft, nicht lebensmüde Resignation. Eine Jugend wieder, 
die hofft und wächst. Der die Zukunft gehört. Kokoschka ist ja bereits den Weg in die Welt 
gegangen. Er ist als machtvollste Potenz weit über den Kreis österreichischer Bedeutung hinaus 
gewachsen. Aber es sind andere hinter ihm. Anders geartete, aber doch durch gemeinsame 
Züge des künstlerischen Charakters mit ihm verbundene Kräfte. Österreicher, die das Bild der 
malerischen Erscheinung der österreichischen Produktion durch beste Züge bereichern. Wie Kolig 
und Wiegele. Kolig, von außerordentlicher Kraft der malerischen Sinnlichkeit, stärkste Steigerung 
eines klingenden Farbenpathos, das sich zu barocker Kurve einer mächtigen Gesamtbewegung 
zusammenfaßt. Und die bewegte Totalität des malerischen Dokumentes erhebt sich zu symbol 
haftem Gleichnis gesteigertster Lebensempfindung. Wiegele ist kühler, sachlicher. Durchaus auf 
die Existenz gestellt. Züge der Arbeitsdisziplin und Formcharakteristik Waldmüllers sprechen 
in dem Gesamtbilde seiner künstlerischen Anschauung. Ein äußerstes Bemühen ringt um die 
objektive Bewältigung der farbigen und plastischen Erscheinung, Und eine unbeirrbare Kraft der 
malerischen Intensität umschreibt in kühlfarbigen Bildern das Wunder der Existenz. Koligs heißer 
Atem durchwellt die Gesamtheit der Schöpfung mit stärkster Bewegung. Jedes Formelement ein 
Teil dramatischer Aktion. Im Sinne Kokoschkas, doch ohne dessen metaphysische Jenseitigkeiten ,• 
sondern gerade im Gegensinne: vom Pole der realen Welt aus erscheint das künstlerische Problem 
zu geistiger Bedeutsamkeit erhoben. Wiegeles Arbeiten fehlt dieser Bewegungsdrang in formalem 
wie geistigem Sinn, Eine unbewegte Ruhe faßt das Bleibende der Existenz. Legt gerade darin 
das Wesenhafte des Lebensphänomens fest. Aber über die Grundlinien des verschiedenen Un 
mittelbarkeitspunktes zum Leben bindet das Gemeinsame der farbigen Kultur, der Reichtum der 
malerischen Möglichkeiten die künstlerischen Erscheinungen. Und neben Kolig und Wiegele eine 
Salzburger Künstlergruppe unter der Führung Faistauers, die Wege ähnlicher Richtung verfolgt. 
Willy Nowak dann, der das Bild österreichischer Malerei im Sinne dekorativer Verfeinerung 
bereichert. Die besten Traditionen des französischen Impressionismus sind Grundlagen der müden 
Farbigkeit seiner gobelinartigen Kompositionen. Schiele, der zu noch größerer Differenzierung 
des künstlerischen Erlebnisses vordrang, wirkt stärker. Ist stärker. Weitaus bedeutender im 
künstlerischen Format. Nicht nur der dekorativen Intensität seiner persönlich stilisierten Körper 
fragmente nach, sondern auch in der faszinierenden Gewalt seiner geistigen Abgründe. Eine 
schmerzliche Lebensqual, die in Krankem und krankhafter Erotik verschwiegenste Bezirke bloßlegt, 
gibt der femininen Dekadenz Klimts eine neue Wendung. Und Paralleles im Formalen: aus 
der flächenhaften Dekoration tasten die künstlerischen Dokumente wieder in eine neue Raumwelt 
hinüber. Schieies Tod versagte die Vollendung: merkwürdige Zwischenstufen neuer plastischer 
und farbiger Räumlichkeit geben die letzten Bilder als unerfüllte Hoffnungen neuer Ent 
wicklung. 
Und als letzte der Begabungen Bödd. Er ruht bereits auf der Generation nach Klimt und seine 
künstlerischen Ergebnisse lösen sich am stärksten vom Allgemeincharakter des österreichischen 
Schaffens. Eine neue dekorative Einheit: nicht aber die ornamentale Stilisierung Klimts, die
	        
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