Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Bödd steht allein. Ist selbst erst eine Hoffnung. Und keine Begabung steht in der ungeheuren 
Masse der Malenden auf. Formkraft scheint versiegt. Vielleicht, daß die unverbrauchte Kraft 
der Provinzen wieder neue Kräfte gibt, die eine österreichische Malerei in der Zukunft empor® 
heben. Die letzte Gegenwart besitzt Individualitäten: künstlerische Potenzen, die das Bild der 
deutschen Malerei bereichern und bestimmen. 
PARIS GÜTERSLOH 
Ich schreibe die Gedanken hin, die mir, mit dem sinnlichen Reiz des Geschauten wechselnd, beim 
Ansehen von Güterslohs Bildern kamen. Einer guten Zigeunerin gelingt es oft weit besser, die 
Persönlichkeit zu bestimmen als der insgesamten wissenschaftlichen Anthropometrie: das sei voraus® 
geschickt, damit man den folgenden definitorischen Zeilen nicht die Gewalt antue, die sie ver® 
meintlich den künstlerischen Objekten antun. 
Die häufigsten Realitäten in der Kunst wie sonstwo sind keine, sondern Agglomerate, Schei® 
nungen, feige Verbindungen. Realität im strikten Sinne ist ein isoliertes autonomes Faktum, das, 
wenn es auch Analogien mit andern Fakten besitzt, durch sich selbst existiert. Als Lavoisier die 
moderne Chemie schuf, ersetzte er die konfusen vitalistischen Theorien durch die Erschaffung der 
chemischen Individualität des Sauerstoffes. Die Individuation hat ihre Gesetze und Grade: das 
Faktum zu isolieren genügt nicht. In die beste Statistik schleicht sich der Fehler des Statistikers 
oder dessen Faulheit, indem er die Zahl des vorigen Jahres abschreibt. Hat ein Mathematiker 
einer arithmetischen Gegebenheit seine algebraische Formel gefunden, so verziert er sie nicht mit 
sentimentalischen Betrachtungen oder rassenpsychologischen Untersuchungen. Aber sehr viele 
moderne Maler tun das,- sie begnügen sich nicht mit ihrer malerischen Formel, sie geben auch noch 
ein Gedicht drein oder »philosophieren«. Sie komplizieren ihre defmitorische Einfachheit und 
vergessen, daß der Adlerblick, die Löwenpranke viel stärker und besser schematisieren als ein 
komplizierter Meßapparat. 
Ausdehnung und Dauer sind nur sekundäre Funktionen einer absoluten Realität, welche ist: 
Individuum, Punkt. Die Fakten wiederholen sich. Die richtige Bezeichnung kommt vom Schema, 
von der Konstanten. 
Oberflächen und Volumina der materiellen Dinge drücken sich viel präziser aus, die geistigen 
Dinge drücken sich durch immer einfacher werdende Zeichen aus in dem Maße, als sie sich zum 
Abstrakten erheben. Die Leiter dieser Vereinfachung ist steil. Man muß schwindelfrei sein. 
Aber wer ein Künstler ist, muß sie klettern Stufe um Stufe. Denn er muß die flüchtigen Augen® 
blicke des Lebens vergeistigen, indem er respektvollst die geometrischen Proportionen eines Gegen® 
Standes in ihrem Rapport mit einer Harmonie oder einer Emotion notiert. Er schafft das Spiel 
des Gleichgewichtes universeller Kräfte, Lebens und Todes, Lichtes und Schattens. Davon geht 
er aus und stellt vor uns das Schema einer Einheit, eines Seins. 
Der »Realismus« Rembrandts hat die Klassizisten seiner Zeit außerordentlich chokiert. Dieser 
Realismus bestand im Illogischen der Zeichnung, im Irrtum über das »Richtige«, wie ihn alle be 
gehen, welche in der Materie des Lebens das tragische Element suchen, welches diese Materie 
zerbricht, in den Traum führt, in die Meditation, die Leidenschaft, den Schatten. 
Es gibt eine dogmatische Linie der Zeichnung: alle Kunst glaubt an sie, bedingungslos. Jene, 
welche »das Licht« malten — die tausendfältige Brechung der Linie durch den ewig wechselnden 
Zufall —, waren Häretiker oder Schwachgläubige. Eigentlich liefen sie immer in den Schatten 
davon, in das Blau®Violette der Unverbindlichkeit. Wie wundervoll hat Gauguin die schattige 
Oberfläche analysiert, aufgebaut, in die Geometrie des Ornamentes gebracht.
	        

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