Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

ihr Sprachkleid zu weben muß vor allen andern Pflichten mich bewegen. Nicht um des Schrift- 
stellers Willen bringen Volk und Abnenreibe den Schriftsteller hervor. Um sich selbst zu objek 
tivieren opfert das Volk den Einen auf so einsamen Altäre. Um aus seinen Eingeweiden zu 
deuten und zu erkennen, was der Götter Urteil über Volk und Ahnen. Aber der Schriftsteller 
ist ein solcher nur in seiner Erkenntnis als Opfer und in seiner Beschränkung auf diese eine Auf= 
gäbe: ein tauglich Eingeweide zu sein den Auguren. Füllt er sich romantischerweise mit fremden 
Inhalten, tritt er als Schriftsteller auf eigene Faust, ein Soldat mit falschem Urlaub, ein in den 
Kreis weit leichterer Aufgaben, so erscheinen plötzlich des Volkes mystischer Entschluß, ihn 
hinauszustellen als Grausamkeit, die kein Widder abkürzt wie bei Abrahams Opfer, und seine 
Ausnahme als pures, weltliches Elend. Seine Armut wird gemeine Not, seine Einsamkeit wird 
Effekt einer Verstoßung. Seine Opferung vollzieht sich ohne Geheimnis und wird ihm und Allen 
zur Hinschlachtung. Armut, Einsamkeit, Unverstandenheit verlieren ihren Charakter als sakrale 
Notwendigkeiten, als gelobte Hinzukommenschaften eines merkwürdigen Mönchlebens und fallen 
ihn an mit den Leiden des Amts ohne den Trost auch des Amtes zu hinterlassen. Wenn glücke 
liebere Lebensumstände ihn vermögen, Armut, Einsamkeit und Unverstandenheit nicht an sich 
herankommen zu lassen in ihren ökonomischen Erscheinungen, so werden die jetzt als Grausam 
keit definierte Hinausstellung seiner Existenz aus der Ahnenkette und die als Elend gekenn^ 
zeichnete Tatsache seiner Ausnahme doch nicht aufhören, die Blutspur des aus Gemeinschaft 
Flüchtgen zu verfolgen. Die nun einmal empfangenen Weihen, wirkend, was immer auch der 
Abgefallene berührte, werden sich wider ihn wenden, ihn höhnen aus jedem Mißgriffe, den er 
tut, mit Satansfratze aus dem Leser seiner Bücher feixen, die er im leichteren Kreise arrogierter 
Objekte schreibt. 
Während so das hinausgestellte Opfer zögert, seinen Platz auf dem Altäre einzunehmen, be 
fleißt sich der Satiriker des Vaterlandes einer soi-disant Darstellung seiner Gestalten. Leichen 
geruch der noch immer nicht Geborenen lockt ihn an. Er raubt ihnen alles, was Lemuren be 
sitzen, Fratze und Jargon, und verwendet sie mit Recht und als Beweise einer wirklichen Welt 
gegen Dichter desselben Landes, die einem »abwesenden Dritten« nachdichten, gegen flüchtige 
Dichter, die eines ihrem Gegner zubilligen müssen: daß er am Orte, an einem abscheulichen 
Orte, aber doch, geblieben ist. Daß bloßer Besitzwechsel hinwiederum von Fratze und Jargon, 
daß Raub an Lemuren und Ausstellung des Raubes nicht Gestaltung des unerlösten Chaos ist, 
werden diese Dichter entgegnen dürfen. 
So steht in Mitten zwischen Wirklichkeit und Dichtung und durch unsere Schuld das mit 
Greinen und Grinsen angefüllte Archiv des Satirikers, ein Greuel denen, die ihr Gesicht verloren 
haben und ihre Stimme an den größten Stift, der je die Platten eines Grammophons beschrieben 
hat und uns ein Vorwurf, dessen sentimentale Erscheinung ich erkannt und verworfen habe. 
Gütersloh.
	        
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