Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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suchen unter Förderung der staatlichen Kunstverwaltung ehrlich die bleibenden Werte in der 
verwirrenden Flucht der Erscheinungen,- was sonstwie hier mitzuwirken hat, zählt zum 
großen und größten Publikum. Sammler und Händler großen Stils fehlen, nur die Konjunktur 
hat in den letzten Jahren ihr Interesse erwärmt,- einen echten und wirklichen Freund, an dem die 
meisten von ihnen jahrelang einen Rückhalt gefunden hatten, haben die jungen Künstler in Josef 
Hauer kurz nach Beginn des Krieges verloren. Seine schöne Menschlichkeit stand wohltuend 
über einem Gebiete, auf dem sich hysterische Verzücktheit und geschäftige Gewinnsucht sonst 
oft seltsam kreuzen und bisweilen — besonders widerwärtig — verbinden. 
Die Zerfahrenheit dieser Verhältnisse hat im Ausstellungswesen besonders charakteristische 
Blüten hervorgebracht. Wir sahen Ausstellungen, in denen dem offiziellsten Kitsch Abteilungen 
kitschigster »Neukunst« — halb Lachkabinet, halb Geschäftskniff — angegliedert waren,- wir 
sahen eine Kunstschau, in der durch eine einseitige — übrigens sehr geschickte und geschmack^ 
volle — Aufmachung auch die tragenden Kräfte von heute in ein dekoratives Ideal von gestern 
eingefügt wurden,- wir sahen viele kleine Sonderausstellungen einheimischer Jugend, die nach 
befruchtenden Kräften verlechzend in engen Kreisen zu versanden droht und die ernsten Be 
mühungen der vielfach auf deutschböhmische Künstler gestützten »Freien Bewegung«. Und 
wir sahen seit Jahren keine oder nur durch Zufall hergesprengte — Werke von Oskar Kokoschka,- 
weil dieser uns fern bleibt, wie er selbst seinem neuen Boden fremd, ist Wiens Verhältnis zur 
neuen Kunst ohne Halt,- denn wir wissen aus tiefstem Instinkt, daß er zu uns gehört als unser 
Führer und heimlicher Kaiser. Hans Tietze. 
FRANKREICH 
Der Pariser Herbstsalon 1920 
Enttäuscht meldet der »offizielle« Kritiker, im 
Herbstsalon dieses Jahres keine neue Richtung 
entdeckt zu haben. Nicht einmal eine neue 
Richtung! Wahrlich, es muß schlecht um die 
schöpferischen Kräfte der Neuen Kunst bestellt 
sein. Moribundus. <Ich habe übrigens gehört, 
daß auch in Deutschland düstere Propheten den 
Untergang der Neuen Kunst weissagen.) 
Bedenkt denn keiner, daß wir die junge Ge 
neration, von der vielleicht neue Impulse aus= 
gegangen wären, auf den Schlachtfeldern hin 
schlachten ließen? Die Jugend, auf die wir rech= 
nen können, zählt heute, wie Vlamink mit Recht 
bemerkt, noch nicht mehr als 12 Jahre. 
Im Herbstsalon stellen reife Männer aus, Ge^ 
festigte, die ihren Stil gefunden haben, und wir 
werden uns wohl damit abfinden müssen, lange 
Zeit hindurch Entwicklungen zu verfolgen, die 
in das Stadium der Beruhigung getreten sind. 
Wir sehen Matisse, souverän auf dem Gipfel 
der Meisterschaft seiner Kunst gebieten. Die 
»Familie« wird immer als chef-ceuvre dieses 
starken Koloristen gelten. Gleizes vereinfacht 
sich immer mehr. Er träumt von einer Kunst, 
an der das Volk wieder Anteil haben kann. Das 
Tafelbild verwirft er als zu eng, zu kapitalistisch: 
Verwirklichung seiner Ideale erwartet er vom 
Fresko. Bracque hat man nicht zu Unrecht 
mit Chardin verglichen. Andre Lhöte, der 
Maler-Kritiker, hat sich diesmal darauf be= 
schränkt, nur Maler zu sein —■ zum Heile seiner 
Kunst. Raoul Dufy — o, er besitzt eine glän 
zende Begabung und erstaunliche Kenntnisse — 
woran mag es nur liegen, daß man ihm doch 
nicht restlos zuzustimmen vermag ?Dunoyerde 
Segonzac hat mit seiner großen Landschaft 
einen echten Erfolg errungen. Er besitzt die 
Haupttugenden des französischen Geistes: Ord 
nung und Maß. <Von den Kompositionen seiner 
Frühzeit konnte man das nicht behaupten.) Das 
malerische Temperament Viaminks hat nichts 
von seinem hinreißenden Brio eingebüßt. Kees 
van Dongen erregt die Sensation, auf die es 
ihm ankommt. Der Unterschied zwischen einem 
Kees van Dongen und einem Bouguereau ist nur 
zeitlicher Natur. Als Maler mondäner Frauen 
und pikanter Grisetten mag man ihn gelten
	        

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