Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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lassen. Aber warum mußte er das Porträt des 
Revolutionärs Rappaport malen? 
Unter den Ausländern ragen besonders her® 
vor: Kisling und Kars. Ein Kritiker von Ver® 
ständnis und Verantwortung hat Kisling den 
reichsten Maler der Generation genannt. Damit 
ist viel gesagt — aber nicht zu viel. Der Prager 
Kars offenbart in seiner Aktdarstellung eine 
Meisterschaft, die nicht viele französische Künst® 
ler seiner Zeit erreicht haben. 
Die Plastik bewegt sich in der Richtung weiter, 
die Maillol eingeschlagen hat. Man liebt die 
Strenge, die Geschlossenheit, das hoheitsvolle 
Maß wie im Griechenland des V. Hids. 
Das Kunstgewerbe ist sehr raffiniert. Ach, 
wäre es geschmackvoll! 
Dem Gedächtnis Renoirs gilt eine Retro® 
spektiv®Ausstellung von 30 Werken aus der 
Spätzeit dieses Malers. Überflüssig ihre Schön® 
heit zu rühmen. Hier finden wir in einer be® 
rückenden Synthese die Mondanität des 19. Jahr® 
hunderts, die Anmut des dix®huitieme und die 
schwelgerische Kostbarkeit des Orients. 
Fauconnet, dem gleichfalls die Ehre einer 
Retrospektiv®Schau zuteil wurde, ist ein Früh® 
vollendeter. Er starb im vergangenen Jahr. Er 
war keiner von den Ursprünglichen, aber seine 
Kunst hat die verschiedenartigsten Einflüsse 
wunderbar ausbalanziert. 
Als Gäste hat man die Elsäßer und die 
Katalanier eingeladen. 
Paris, im November 1920. Jean Picard. 
Vom Pariser Kunstmarkt 
Künstler als Kunst hän dl er-St. Bureau® 
kratius in Paris. Der Krieg und seine Folgen 
haben uns alle vor neue wirtschaftliche Entschei® 
düngen gestellt. Die alten Mittel und Wege er® 
wiesen sich als ungenügend zur Beschaffung des 
notwendigen Lebensunterhaltes. Dazu kam, daß 
das Beispiel der Kriegs® und Friedensgewinner 
uns alle mehr oder minder infizierte: es befiel 
uns die schamlose Sucht nach raschem mühelosen 
Gewinn, nach genußspendendem Reichtum. Ich 
glaube, daß wir von da aus eine neue Erschei® 
nung im Pariser Kunstleben erklären müssen: 
nämlich jene des Künstlers' als Kunsthändler. 
Ähnliches — allerdings nur in einem vereinzelten 
Beispiele — gab es allerdings schon lange vor 
dem Kriege,- ich meine die sogenannte Abtei, 
deren Gründung aufVildrac, den Verfasser des 
»PaquebotTenacity«, auf Georges Duhamel, des 
Dichters des »Lebens der Märtyrer«, auf Albert 
Gleizes und eine Reihe anderer Dichter und 
Künstler zurückging. Diese hatten 1906 ein 
altes Haus in Creteins gemietet, eine wahre 
Ruine. Arcos und Gleizes haben die Wände 
frisch bemalt, Duhamel und Vildrac sangen und 
pfiffen. Die ganze Herrlichkeit dauerte 15 Mo® 
nate. Heute gibt es eine stattliche Anzahl der® 
artiger Künstler®Kunsthandlungen in Paris: den 
»Handwerker« in der Nähe von St. Germain des 
Pres, »das wiedererstandene Kunstgewerbe« auf 
dem Boulevard Raspail, »die Vereinigung der 
feldblauen Künstler«, die »Nachtwächter«, und 
als eine der jüngsten, das »Tintenfaß«, das in einer 
verlassenenKohlenhandlunguntergebrachtist.— 
Die Preise für Kunstwerke sind in Frankreich 
wie überall ins Phantastische gestiegen. Nur der 
Staat bietet von Zeit zu Zeit Gelegenheit zu 
überraschend günstigen Käufen. Er ist es näm® 
lieh, der im Saale XIII des Hotels Drouot 
die Versteigerungen sequestrierter Kunstsamm® 
lungen aus deutschem Besitz veranstaltet. Nur 
die wenigsten der namhaften Sammler und Kunst 
händler finden den Weg zu diesem armseligen, 
niedrigen, abgelegenen Raum. So konnte es 
kommen, daß der Erlös einer der letzten Ver® 
Steigerungen, bei der neben einer Reihe schöner 
Stilmöbel einige hervorragendeWerke moderner 
Meister, z. B. Matisse, Rousseau und Cezanne 
angeboten wurden, nur 19000 Frcs. betrug. 
Die guten Patrioten, und vor allem die Kunst® 
händler, denen daran liegen muß, daß sich das 
Preisniveau ihrer Ware nicht senkt, sind natür® 
lieh mit dem bürokratischen Schleudersystem 
sehr unzufrieden. Es war das Syndikat der 
alten Kunsthändler, das bereits im Monat Mai 
die Regierung auf die schweren Nachteile ihrer 
Methode aufmerksam gemacht und einen großen 
und schönen Saal in bester Lage für die Verstei® 
gerungen vorgeschlagen hatte. Der Magistrat 
antwortete, daß Verkäufe im Aufträge der 
Justiz nirgend anderswo als im Hotel Drouot
	        

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