Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

253 
ENGLAND 
Kurzer Überblick der modernen Kunstbe 
wegung 
Es ist eine seltsame Erscheinung, daß, während 
auf dem europäischen Festland die Menschheit in den 
Kunstbestrebungen Trost und Erholung von den 
Wunden und Nachleiden des Weltkrieges sucht, ge* 
rade in England in dieser Beziehung Ernüchterung 
und Erschlaffung eingetreten ist. Der Rückschlag ist 
um so bedauerlicher als die beiden letzten Kriegsjahre 
zu einem beispiellosen Aufschwung in Kunstproduk* 
tion und Kunstgönnerschutz führten. Zum ersten 
Male übernahm der Staat die Förderung der bilden* 
den Künste, wenngleich die Beweggründe eher poli* 
tischer als ästhetischer Natur waren. Dies an sich 
selbst war überraschend genug. Geradezu verblüffend 
aber war die von der Regierung eingeschlagene Rieh* 
tung der Protektion expressionistischer Kunst. 
Nichts kann für den Siegeswillen, für die feste 
Überzeugung des endgültigen Erfolges bezeichnender 
sein, als die Entscheidung des Propagandamini 
steriums (Ministry of Information), während 
der finsterst drohenden Periode des Krieges, inmitten 
der beunruhigendsten Nachrichten vom Kriegsschau* 
platze, eine kleine Armee von Künstlern zu orga* 
nisieren um an Ort und Stelle — in Frankreich und 
Flandern, in Gallipoli und Italien, in Palästina und 
Mesopotamien, zu Land und zur See und in den 
Lüften — mit Stift und Pinsel und Meißel eine dau* 
ernde Chronik des welterschütternden Kampfes nieder* 
zuschreiben. Und zwar waren es nicht die alten Aka* 
demiker und Professoren, denen die Aufgabe anver* 
traut wurde, sondern die lebenskräftigen und Schaffens* 
freudigen jungen Kämpfer aus den Schützengräben, 
die, dem Aufruf zu den Waffen folgend, das wahre 
Wesen des Krieges aus eigener Erfahrung kennen 
gelernt hatten. Ein vom Propagandaministerium er* 
nannter Ausschuß verläßlicher Kritiker und Kunst* 
kenner, bei dem allen Präcedenzien zum Trotze weder 
die Royal Academy, noch irgendeine andere »offi* 
zielle« Künstlergenossenschaft vertreten war, entwarf 
die Liste der geeignetsten Künstler, und das Kriegs* 
ministeriiyn stellte dem Ansuchen der zeitweiligen 
Entlassung der betreffenden Soldaten und Offiziere 
aus dem Kriegszwang keine Schwierigkeiten entgegen. 
Kanada hatte schon vorher einen ähnlichen Plan be* 
folgt, der in einem Museum von über sechzig Monu* 
mentalgemälden erstklassiger Künstler meistens mo» 
derner Richtung und von etwa 900 kleineren Werken 
zur Ausführung kam. Die von der englischen Regie* 
rung beschäftigten Künstler zählten nach Hunderten — 
ihre Werke nach Tausenden. So wurde nicht nur 
eine bis ins kleinste Detail vollständige bildliche 
Chronik des englischen Kriegsanteils geschaffen, son* 
dem auch die Blüte und Hoffnung der künstlerischen 
Jugend Englands der Gefahr von Tod, Erblindung 
und Verstümmelung entzogen. 
Obgleich nicht gänzlich ausgeschlossen, wurden 
doch die Anhänger der akademischen Richtung und 
die traditionellen graphischen Berichterstatter ziemlich 
hintangesetzt. Dagegen wurden die erlebnislustigen 
Sucher nach neuen Ausdrucksmitteln zu den ehren* 
haftesten Aufgaben herangezogen. Die großen De* 
korationsgemälde, zum Schmucke der Hauptsäle des 
erst zu erbauenden Kriegsmuseums bestimmt, wurden 
fast ausnahmslos den jungen englischen Expressio* 
nisten, Vorticisten, Kubisten und Futuristen anver* 
traut. Zum ersten Male fand auf diese Weise die 
Neue Kunst großzügige offizielle Anerkennung und 
Unterstützung. Allerdings nicht ohne Protest und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.