Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Widerstand. Angriffe im Parlament und in der Presse 
blieben nicht aus. Aber alle Einschüchterungsversudie 
waren vergeblich, und als die Erstresultate der jungen 
Kriegskünstler — des Nevinson und des Paul Nash — 
in London ausgestellt wurden, zeigte es sich, daß das 
Publikum erstaunlich gereift war und den neuen Aus- 
drucksmittein mit Verständnis und Sympathie ent 
gegen kam. 
Die beiseite geschobene Royal Academy, um ein 
Weniges des gesunkenen Prestiges zu retten, öffnete 
ihre Säle zuerst der großen Sammlung der für Canada 
hergestellten Gemälde, dann den Werken für das 
englische Kriegsmuseum. Und so zogen die Erzfeinde 
der Akademie, ein Augustusjohn, einWynd- 
ham Lewis, ein Nevinson und die ganze Schaar 
der Unabhängigen triumphierend in Burlington 
House ein — und das Publikum jubelte ihnen zu. 
Privatsammler folgten dem Beispiele des Staates. 
Erst in der Panik der Geldentwertung und über 
mäßigen Besteuerung, dann im Siegesräusche und 
schließlich in dem enormen obgleich kurzdauerigen 
Industrieaufschwung nach dem Kriege, wetteiferte das 
Publikum in liberalem Kunstgönnertum. Und zwar 
waren es gerade die Arbeiten der Künstler moderner 
Tendenz, der Expressionisten, die man am meisten 
schätzte, während die langweiligen Machwerke der 
früher so beliebten akademischen Maler alle An 
ziehungskraft verloren hatten. Man hatte aufgehört 
über John, Wyndham, Lewis und Nevinson sich 
lustig zu machen. Die verpönten Kunstnihilisten 
wurden auf hoheThrone gesetzt und die Neue Kunst 
feierte ihren glänzenden Triumph. Doch heute ist 
diese Glanzperiode zu Ende und die Not ist in die 
Malerateliers eingezogen. Daß einige Modeporträt 
maler noch glänzende »Geschäfte« machen, ändert 
nichts an der Tatsache. Momentan ist das Kunst 
interesse beinahe ausgestorben und die Künstler 
sehen trüben Zeiten entgegen. 
Die imposanteste Erscheinung unter den Modernen 
ist und bleibt Augustus John, Schon während 
seiner Lehrjahre in der Slade School erfreute er sich 
in Kunstkreisen des Rufes der genialste Zeichner 
seiner Generation zu sein. Dann machte er sich als 
unoffizieller Führer der Rebellen fühlbar. Er stellte 
nie in der Akademie aus. Sein Streben nach inten 
sivem Ausdruck, seine Vorliebe für wilde, zigeuner 
hafte Typen wurden von einem traditionell erzogenen 
Publikum für beabsichtigte Verherrlichung der »Häß 
lichkeit« ausgelegt. Heute wird John vom Publikum 
vergöttert. Was früher als Häßlichkeit mißverstanden 
wurde, findet heute als eine neue Schönheit Aner 
kennung. Und John, der Erzrebell, ist heute Mit 
glied der Royal Academy! Dort gehört er auch ei 
gentlich hin, denn seine ganze Kunst ist auf die edelste 
Überlieferung des Leonardo da Vinci und des Sig» 
norelli gegründet. Mit dem Stilgefühl der italienischen 
Renaissance verbindet er etwas von der wuchtigen 
Kraft eines Hodler. John hat in England Schule ge 
macht. Seine Nachahmer zählen zu Dutzenden. Sie 
beschränken sich aber im allgemeinen auf die Imi 
tation seiner oberflächlichen Eigentümlichkeiten und 
leisten nur Unbedeutendes. 
Für die junge Schule ist John bereits ein über 
wundener Standpunkt. Cezanne, Gauguin, Matisse 
und Picasso, und selbst die italienischen Futuristen 
finden da ihre Verehrer und Nachahmer. Auf Ce- 
zannes Richtung ist die ganze Gruppe der um Roger 
Frey versammelten jungen Künstler orientiert. Die 
Meisten von ihnen sind herzlich langweilig. Dieselbe 
Formel wird in unendlichen Variationen wiederholt. 
Neues hat keiner zu sagen, mit der einzigen Aus 
nahme des Duncan Grant, der in den letzten 
Jahren einen außerordentlich üppigen Farbensinn ent 
wickelt hat und für den Wert der Malmaterie per se 
ein Verständnis zeigt, das den andern Mitgliedern 
dieser Gruppe fehlt. 
Wyndham Lewis ist unzweifelhaft der ori 
ginellste Künstler des jungen England. Er ist beim 
Kubismus zur Schule gegangen und hat daraus und 
aus eigener Kraft den Vorticismus geschaffen. Er 
nimmt vieles geometrisch Formelles aus dem Kubis 
mus, vermeidet aber die Disintegration und Zer 
stückelung des Kubismus. Seine Bilder und Zeich 
nungen haben eine ungeheure Spannkraft und Be 
wegungsmöglichkeit. Es ist, als ob er die menschliche 
Figur in ihre Bestandteile zerlegt und dann als stäh 
lernen Organismus wieder zusammensetzt. Er schöpft 
eine neue Welt aus Stahl und Eisen, starr und un 
beweglich, bei der man fühlt, daß durch Drehen einer 
Schraube oder durch Druck auf einen Knopf alles in 
unwiderstehliche Bewegung gesetzt werden könnte. 
Ihm stilverwandt ist William Roberts. Auch er 
geometrisiert. Doch haftet ihm etwas von der lohern- 
den, stürmischen Bewegung und von dem flammen 
artigen vertikal anstrebenden Rhythmus des Greco 
an. E. Wadsworth gehört zu derselben Gruppe. 
Sein Hauptwerk ist eine Serie von Zeichnungen und 
Aquarellen des als »Black Country« bekannten In 
dustriedistriktes — öde, finstere Landschaften von 
Schlackehügeln, Fabrikschornsteinen, Eisenbahn 
schienen u. dergl., alles hartkantig und scharf und von 
komplizierter aber doch klar organisierter Struktur.
	        
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