Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Chicagos, Worcesters etc. Konzerte abhält und da* 
mit große Erfolge hat. Einige amerikanische Museen 
umfassen auch Hörsäle, so daß Vorträge abgehalten 
werden können. Viel größere Aufmerksamkeit als 
in Europa wird darauf verwendet, schon den Kin* 
dern durch Führungen und Anschauungsunterricht 
die Schätze des Museums nutzbar zu machen. 
F. M. H. 
Die Sammlung Tak van Poortvliet im Haag 
Der Gemäldebestand der Sammlung M. Tak van 
Poortvliet im Haag, Wossenaarsche Weg 33, zieht 
in Holland die Schlußsumme jener Kunstentwicklung, 
die entgegen geartet zur impressionistischen Schaffens* 
absicht ihr Ziel in die Befreiung des Bildes vom 
Natureindrucke setzt und darnach trachtet, einem 
Bilde durch geistig formale Stützen und Stilvollkom* 
menheiten Überzeugungsmacht zu verleihen. Die 
Sammlung enthält nur sogenannte vorstellungslose 
Gemälde oder Werke, die der reinen Abstraktions* 
kunst wesensverwandt sind. An Fortschrittlichkeit 
nimmt sie damit unter den holländischen Privat* 
Sammlungen den ersten Platz ein. Der Besucher hat 
hier die Möglichkeit, durch eigenen Befund sich von 
dem Aberglauben zu befreien, als ob diese unirdischen 
Darstellungen ein Heim unwohnlich machten und in 
den Stuben den Zusammenhang des einfachen mensch* 
liehen Verkehrs gefährdeten. Die Sammlung Tak 
van Poortvliet zeigt vielmehr, wie wohltuend solche 
mathematisch dinglosen Bildtafeln sich der Stimmung 
von Ruhe und Sicherheit im Hause einfügen, wie die 
verdichtete seelische Anspannung, die sich in ihnen 
verleiblichte, dauernd als Ansporn weiter wirkt, die 
Lebensempfindung klärt, einen hellen, gehobenen Mut 
erzeugt, und welches Gleichgewicht diese Werke der 
Mauerwand, die sie schmücken, welchen Eindruck der 
Geschlossenheit sie den vier Seiten eines ganzen 
Zimmerraums mitzuteilen vermögen! 
Diese umfangreichen Kompositionen W, Kan* 
dinskis, die unter Glas aufgehängten Farbenholz* 
schnitte von Franz Marc und dessen pflanzlichberuhigte 
Tierdichtung »Das Lamm«, die kubistische, gehirn* 
liehe kühle Tafel von Fr. Leger, die erregungslosen, 
kristallinisch gegliederten Flächenaufrisse P. Mon* 
diaans und die große Anzahl farbiger und graphischer 
Werke von Jakoba van Heemskerck — welche strenge 
und straffe Gehaltenheit verleihen ihre schwarzein* 
gerahmten Holzschnitte z. B. dem weißgetünchten 
Treppenaufgänge — diese ganze teils arabesken* 
blühende, teils auf karge Grundstrukturen zurück* 
geführte Kunst, lenkt den Menschen nicht von sich 
fort, verweichlicht und zerraspelt ihn nicht, unterläßt, 
ihm bloße Einfälle vorzugaukeln und Erzählerisches 
»naturgetreu« aneinander zu reihen/ sie folgt inneren 
Gesetzmäßigkeiten und verkörpert diese ohne Behang 
und Wortmacherei. So strömt sie Frieden und 
Festigkeit aus, errichtet eine schützende Scheidewand 
zwischen den Hauseinwohnem und der Welt, stärkt, 
bereichert, bejaht das Lebensgefühl mehr als irgend* 
welche noch so daseinsfreudige Darstellungen aus 
dem Sinnenreiche. 
Die Sammlung umfaßt ungefähr 150 Werke. Ein 
gedruckter Katalog, der freilich nicht ganz vollständig 
ist, weil seine Herstellung schon mehrere Jahre zurück* 
liegt, gibt die Namen der hier vereinten Künstler 
und ein paar technische Anhaltspunkte. Da die 
Werke keine erdkundlichen, keine geschichtlichen, 
keine porträtistischen Inhalte haben und sie sich auch 
sonst an keine äußerlich erfaßbare Gegebenheit an* 
schließen, fehlt es ihnen in den meisten Fällen an der 
sonst üblichen literarischen Benennung. In der Mehr* 
zahl sind die Gemälde nach dem handwerklichen Ver* 
fahren <Aquarell, Glasmalerei) oder nach dem zu 
gründe liegenden Stimmungskennmale <Con Brio I, 
Lyrische Komposition) oder einfach nur mit Ziffern 
betitelt (Gemälde Nr. 10, Zeichnung Nr. 48). So 
findet der Beschauer weder im Katalog noch in den 
Gemälden selber einen Anstoß, um sich vom Künst* 
lerischen ablenken zu lassen und seine Teilnahme an 
Gegenständliches zu verlieren,- sein Einfühlungs* 
vermögen darf gerichtet bleiben auf das Wesentliche. 
Schon diese Namenlosigkeit der auf den Bildtafeln 
sich abwickelnden Ereignisse — worin sich das Ver* 
langen der Künstler nach der eigenen geistigen Ent* 
persönlichung spiegelt — berührt ungemein reinlich 
und sachgemäß. 
Innerhalb der hier vereinigten internationalen 
Künstlerschaft sind es die beiden Holländer Pist Mon* 
driaan und Jakoba van Heemskerck, deren Werke 
am meisten fesseln. Sie stehen beide auf der äußersten 
Seite des Gegensatzes zu den nationalen Künstlern 
etwa der Bergenschen Schule. Aus ihren Stilmitteln 
ist alles ausgeschieden, was auf den persönlichen Ge* 
mütshang, auf die Erregbarkeit für Freude, wie 
Trauer, auf die Verbindung mit dem holländischen 
Stammeserbe in Geist und Kunst hindeutet. Es ist 
die Werkform in der ganzen Fülle ihrer Gleichnis* 
losigkeit, die sich selber trägt, sich selber beweist. 
Bei Mondriaan schlägt der Abstrahierungstrieb 
plastisch*baukünstlerische Wege ein. Erwarb er sich 
an Kopien nach altfranzösischen Meistern (Schule 
von Avignon), die er im Aufträge der Sammlerin in
	        
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