Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Geltung keineswegs bedurft hat, in den Strudel dieses 
Debacles hineingezogen. Denn schon machen sich 
heute neue Schlagworte breit, tauchen neue Begriffe 
auf, von feinnervigen Kunsthorchem, die soeben dem 
Expressionismus den Dolchstoß von rückwärts ver- 
setzt haben, mit Talent erwittert und breitgetreten. 
Die Zahl der »Klassizisten« und der »wie Ingres« 
Malenden mehrt sich zusehends, man wird sehen, 
was sich aus dieser immer mehr ins Literarische glei 
tenden Bewegung alles machen läßt! 
Über dem Niveau zeitlicher Berühmtheiten und 
literarischer Schlagworte stehen die Blätter dieser 
Mappe. Außerordentlich glücklich ist die Vereinigung 
originaler Graphik und vorzüglicher Faksimilerepro 
duktionen, die den Kreis des genußfähigen Publikums 
erweitert, das Bild mannigfacher und belebter er 
scheinen läßt. Wir finden Originalgraphiken von 
Lehmbruck, Meidner, Heckei, Feininger und Marc, 
Reproduktionen in Originalgröße von Kokoschka, 
Macke, Kirchner, Heckei und Nolde. Unter den 
Holzschnitten ist besonders ein koloriertes Blatt aus 
dem Nachlasse Marcs hervorzuheben, aus jener Pe 
riode stammend, die durch den Übergang von körper 
licher Darstellung zur absoluten Malerei charakreri- 
siert wird. Von Frankreich und Rußland gleicherweise 
angezogen, den Einflüssen einer ganz auf Gesetz und 
Logik aufgebauten Malerei und einer rein gefühls 
mäßigen, über die Ränder einer vom Verstände dik 
tierten Gesetzmäßigkeit oft weit hinausschlagenden 
Ausdruckskunst gleichzeitig ausgesetzt, gehört Marc 
zu jener Gruppe deutscher Maler, die die Tragik ihrer 
inneren Zwiespältigkeit nicht zu überwinden ver 
mochten. Der dem Deutschen eingeborene immer 
wieder von neuem und in neuer Form sich offen 
barende Hang zur Mystik kompliziert die Situation, 
die im Grunde genommen auch heute noch an das 
Schwanken der alten langobardischen Künstler 
zwischen der Gesetzmäßigkeit Roms und der ab 
strakten Gefühlskunst des Orients erinnert. Das 
vorliegende Blatt zeigt den weitaus überwiegenden 
Einfluß des Russischen, der vornehmlich auf die Ein 
wirkung Kandinskys zurückzuführen ist. Entmate- 
rialisierte Tierkörper, deren Linien sich zu einer gra 
phischen Melodie von bestrickendstem Wohlklang 
verbinden, bewegen sich in einer Landschaft, die 
ebenso harmonisch aus Ton und Farbwerten kom 
poniert, die Melodien in bestimmter Bindung zu 
sammenhält und begleitet. 
Frei von Tragik und Zerrissenheit, eher an die 
alten deutschen Meister gemahnend, deren Technik 
hier wieder auflebt, zeigt den Künstler der schöne 
Holzschnitt von Heckei. Hier ist alles Weiterleitung, 
natürliche und geradlinige Entwicklung aus dem Na 
turalismus des vergangenen Jahrhunderts. Nirgends 
ist die Ebene der natürlichen Vision verlassen, nir 
gends die seit der Renaissance festgelegte Darstellung 
eines subjektiven Raumbegriffes durchbrochen. Inner 
halb der Möglichkeiten des Holzschnittes sind hier 
die stärksten plastischen und räumlichen Wirkungen 
erreicht, es fehlt das Zerrissene, maßlos Spitze mancher 
Heckeischer Schnitte ganz. Die geweihte Stille einer 
abendlichen Lesestunde liegt über das Bild gebreitet, 
das auch technisch von vollendeter Meisterschaft ist. 
Weniger befriedigend wirken ein Holzschnitt von 
Feininger und eine Radierung von Meidner. Die 
Ziele Feiningers, die vor allem in einer eindringlichen 
Darstellung der Sinnlichkeit des Raumes und der 
diesen erfüllenden Körper gelegen ist, können im 
manuellen Holzschnitt mit dessen verhältnismäßig 
geringen Nüanzierungsmöglidikeiten nicht zum Aus 
druck gebracht werden. Die Darstellung wirkt zer 
rissen und das Durcheinander der geometrisch ange 
ordneten Linien gleicht einem Irrgarten, einem zer 
fetzten Ornament, aus dem der Betrachter räumliche 
Vorstellungen nicht herauszuholen vermag. 
Die Radierung Meidners zeigt die allgemeinen 
Schwächen der Kunst dieses reinen Ekstatikers, der 
dem übersteigerten Ausdruck aus der Tiefe seines 
stark dem Eklektizismus preisgegebenen Wesens 
nicht die notwendige Überzeugungskraft zu geben 
vermag. Der Manierismus liegt oft nahe, er ist viel 
leicht nur durch strengste Selbstzucht zu überwinden, 
die alle Überwucherungen entsagungsvoll unter 
drückt. 
Unter den Reproduktionen, die technisch kaum zu 
überbietende Meisterwerke darstellen, fesseln vor 
allem die Aquarelle Noldes: ein asiatischer Hafen 
und eine Figurengruppe, die sich durch eine besonders 
köstliche Farbengebung auszeichnet. Die Weiter 
entwicklung aus dem Impressionismus, die das formal 
Bestimmende Noldescher Kunst ausmacht, tritt an 
der Hafenskizze besonders klar zutage. Ein auf das 
Wesentliche der Erscheinung von Licht und Bewe 
gung zielender Abstraktionswille lenkt den unheimlich 
sicheren und raschen Strich des Künstlers. In anderer 
Richtung bewegt sich die Abstraktion einer herrlich 
reproduzierten Tuschskizze von Kokoschka, die das 
seelisch Wesenhafte des Kontaktes zweier Menschen 
auf ihre konstituierenden Züge mit unerhörter Sicher 
heit und Ökonomie des Ausdrucks beschränkt. 
Die Ausstattung der Mappe ist in jeder Hinsicht 
mustergültig.
	        

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