Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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Christ«, worin der Schmerz mit größter Einfachheit 
der Mittel zum höchsten Ausdruck gebracht ist. Einige 
Holzschnitte des Holländers Ten Klooster hängen 
daneben, der seine Motive meistens in Java gesamt 
melt hat und in schönen, geschlossenen Kompositionen, 
technisch ausgezeichnet beherrscht, ausarbeitet. James 
Ensor ist mit drei älteren Radierungen vergegen* 
wärtigt, die kein richtiges Bild von seinem Schaffen 
geben. Von Permeke gibt es einige Aquarelle, wozu 
ein Blatt mit Volkstypen gehört, die charakteristisch 
sind. Weiter notierten wir Radierungen von A Schotei, 
unter denen besonders eine als »Obstgarten« im 
Katalog angezeichnet, bedeutend ist/ Holzschnitte 
von Frank und von van der Stok, beide Holländer, 
die in dieser Technik Gutes erreichen. 
Marie Tak van Poortvliet. 
POLEN 
Der polnische Formismus 
Neue Richtungen in der polnischen Kunst machten 
sich noch vor dem Kriege bemerkbar, wurden aber 
vom Publikum — als etwas Exzentrisches — nicht 
beachtet. Das Publikum wußte kaum etwas über 
die neuen Strömungen in der plastischen Kunst im 
Auslande. Und so vergingen ein paar Jahre, bis einige 
junge Künstler, bewußt ihrer Ziele, im Jahre 1918, 
selbständig als »Expressionisten« auftraten und der 
jungen Kunst den Weg ebneten. Das Schlagwort 
»Expressionismus« genügte ihnen nicht, weil sie nicht 
direkt von dieser Richtung kamen und ihr künstle* 
risches Wissen aus allen neuen und alten Strömungen 
schöpften. Sie eigneten sich zwar die Erfahrungen 
der Futuristen, Kubisten und Expressionisten an, 
verwerteten jedoch ihre Errungenschaften durchaus 
individuell, gingen weiter, entdeckten die so lang 
brachliegende polnische Bauernglasmalerei und Veit 
Stoß, und auf der Suche nach neuen Formen nannten 
sie sich »Formisten«. Und als solche traten sie im 
Herbst 1919 auf. Die ersten Künstler dieser Richtung, 
deren Zentrum Krakau ist, sind: Chwistek, Czy* 
zewski, Hrynkowski, Niesiolowski, die Brüder Pro* 
naszko, Winkler, St. Ign. Witkiewicz und August 
Zamoyski. An diese Gruppe gesellten sich: Henryk 
Gotlib, Lille und die Warschauer: Wasowicz, Wit* 
kowski, Zaruba u. a. 
Gleichzeitig entsteht spontan in Polen eine zweite 
Genossenschaft junger Künstler »Bunt« <»Der Auf* 
rühr«) mit eigenem Organ »Zdröj« <Der Born). Diese 
Zweiwochenschrift <sie ist soeben eingegangen und 
wird künftighin als Quartalschrift erscheinen), deren 
Mitarbeiter sich »Expressionisten« nennen, pflegte 
hauptsächlich den Holzschnitt und die Künstler dieser 
Richtung gingen von der Voraussetzung aus, daß nur 
eine neue Geistigkeit, nur neue Inhalte eine neue 
Kunst schaffen können. Die markantesten Künstler 
dieser Richtung sind: Hulewicz <auch Dichter), Sko* 
tarek, Szmaj, Dolzycki, Swinarski u. a. — Die For* 
misten dagegen haben ihre eigene Monatsschrift »Die 
Formisten«, die in Krakau erscheint und der neuen 
Kunst und Literatur gewidmet ist. 
Und jetzt einige Worte über die Künstler: 
Leon Chwistek, der auch der erste Theoretiker 
der ganzen Bewegung war und neulich eine wissen* 
schaftliche Studie über die »Vielheit der Realität« 
veröffentlichte, machte sich in seinen ersten Bildern 
die Erfahrungen der Futuristen zunutze, verwertete 
jedoch ihre technischen Errungenschaften ganz selb* 
ständig. Seine »Schlacht« erinnert ein wenig an Se* 
verini und stellt die Bewegung als Ding an sich dar. 
Es werden hier auch interessante Malprobleme gelöst. 
Seine späteren Werke atmen eine heitere, optimistische 
Weltanschauung, wenn man von Weltanschauung 
bei einem Künstler sprechen darf, der bewußt nach 
Überwindung jedweden »Inhaltes« in der Kunst strebt 
tind zur Schaffung eines neuen Stiles schreitet. Das 
Seiende in einer eigenartigen Form wiedergegeben 
<die Stadt, Fabrikstadt, Huhn und Henne, Damen* 
porträts) ist das Thema, das Chwistek variert. Er 
ist weniger Maler als Zeichner und interessieren ihn 
besonders Formprobleme, die neben Farbproblemen 
alle neuen Künstler absorbieren. Der Formismus 
ist wieder einmal Rückkehr zur reinen Malerei, der, 
nach Chwistek, eine neue Realität, nämlich die der 
Vorstellung <im Gegensatz zur Realität des Eindrucks 
im Impressionismus) entdeckt und gestaltet hat. 
Tytus Czyzewski gehört zu den hoffnungs* 
vollsten, initiativsreichsten Formisten. Kubist noch 
vor Matisse und Picasso <ein kubistischer Christus* 
köpf entstand noch im Jahre 1905), wandte er sich 
nach seiner Rückkehr aus Paris <1910) entschieden 
gegen das, was sich im allgemeinen als Kunst breit* 
machte. Seit jener Zeit schreitet er mühevoll seinen 
eigenen, dornenvollen Weg und ist auf der Suche 
nach einer Form für die vom Dinge erlöste Farbe 
und Linie. Er ist der abstrakteste Künstler der 
ganzen Gruppe, und zwar nicht nur als Maler, sondern
	        

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