Full text: Zweiter Jahrgang (2(1921))

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DER GUTE SAMARITANER DES RODOLPHE BRESDIN 
Nicht viele wissen, wer Rodolphe Bresdin ist. Einem von der zeitgenössischen Öffentlichkeit 
so gut wie übersehenen Leben und Schaffen folgte kein posthumer Ruhm. In den meisten deutschen 
Handbüchern und Lexika der Kunstgeschichte fehlt selbst der Name des Künstlers. Nur Thieme 
und Beckers breitangelegtes Künstlerlexikon bringt ein paar Heilen über Bresdin. Aber die hier 
angeführten Geburts- und Sterbedaten sind falsch, und was über seine künstlerische Bedeutung 
ausgesagt wird, läßt sich nur durch eine profunde Unkenntnis des Werkes erklären, wenn auch 
nicht entschuldigen. Bresdins bester Biograph ist Robert de Montesquiou,- seine »L'inextricable 
graveur« betitelte Schrift <Paris 1913) erschien leider nur in 160 Exemplaren, weshalb sie sich nur 
in wenigen Bibliotheken vorfmdet. 
Rudolphe Bresdin — mit dem Beinamen Chien*Caillou <eine Verballhornung von Chingakgok 
= Person in einem Roman Coopers) wurde am 2. August 1822 in Monrelais <Loire Inferieure) 
geboren. Mit 27 Jahren verließ er Paris, um sich in der Toulouser Gegend anzusiedeln. In der 
Umgebung der Stadt mietete er für 5 Frs. Jahreszins eine halbverfallene Hütte, wo er mit seinem 
schon aus Paris mitgebrachten Hasen hauste, halb als Einsiedler, halb als Bettler, sich nährend 
von Kräutern und Gemüsen, Brot als Feiertagsspeise schätzend. Hier fand den rastlos schaffen* 
den Künstler ein jüdischer Händler, der auf die einträgliche Idee verfiel, Bresdins Blätter für alte 
Stiche auszugeben. Was er für 100 sous erwarb, verkaufte er so für 200 Frs. weiter. Jahre be* 
schäftigte Bresdin der Plan, nach Kanada auszuwandern. Endlich nach 1871 führte er ihn aus. 
Als er von dort eines Tages wieder in die Heimat zurückkehrte, kaum reicher als bei seiner Ab* 
fahrt, begleitete ihn seine Frau, sechs Kinder und ein Neger. Sein Hundeleben gestaltete sich 
nach seiner Rückkehr nur noch erbärmlicher. Zur Armut hatte sich schon lange die Krankheit ge* 
funden, eine entsetzliche Krankheit, die ihn mit Erblindung bedrohte. Nach wie vor übersah ihn 
die Öffentlichkeit/ ein kleiner Artikel in der »L'art frangais« vom 12. Januar 1878 versuchte sie 
vergeblich auf das Schicksal des Künstlers aufmerksam zu machen. <». .. Bresdin, l'auteur du 
Bon Samaritain etdelaFuite enEgypte, Bresdin estbalayeur! Vous avez bienlu, balayeur.. .«> 
Aber das Elend, in dem Bresdin am 2. Januar 1885 in Sevres starb, übertrumpfte vielleicht noch 
den Jammer des Lebens. »Une sorte de Villon, complique de Verlaine«. Armer Chien=Caillou! 
Bresdins Hauptwerk »Le bon samaritain«, »un immense dessin ä la plume, tire sur pierre« liegt, 
während ich dies schreibe, vor mir. Huysmans und vor allem der Dichter Banville haben versucht, 
die faszinierende Schönheit des Blattes zu schildern. Aber was nützt es, einem noch so vollstän* 
digen Inventar aller jener Details, die den unerhörten und doch nicht verwirrenden Reichtum des 
Blattes ausmachen, aufzustellen? Gewiß, das Erstaunliche und Märchenhafte dieses in eine tropische 
Landschaft verstrickten guten Samaritaners beruht zum guten Teil auf der Fülle an Einzelheiten. 
Aber das künstlerisch Entscheidende bleibt doch die Vision der Gesamtheit, deren ursprüngliche 
Einheit über die nicht endenwollende Detailschilderung triumphiert. 
An zwei erlauchte Namen der Graphik erinnert die Betrachtung dieses Blattes, an Dürer und 
Callot. Die Verwandtschaft mit Dürer hat man seit jeher herausgefunden: »On eüt dit d'un 
dessin de primitif, d'un vague Dürer, compose par un cerveau enfume d'opium« <Huysmans>. 
Aber die erstaunliche Präzision der mikroskopischen Darstellung, die köstliche Zartheit hellbesonnter 
Ferne finden wir nur wieder auf den Radierungen des Lothringers, der — ein Berührungspunkt 
mehr seine Phantasie ebenfalls von den Fabelwesen des älteren Breughel gerne befruchten ließ. 
Leopold Zahn.
	        
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